Die geballte Tradition des Weihnachtsfestes im Gastland ist das beste Expat Geschenk

Die Weihnachtszeit in einer fremden Kultur zu erleben empfinde ich als eines der besten Geschenke, die mir unser Expat Leben so bescheren kann. Schliesslich ist dies eine Zeit, in der wir geballt die Tradition und Bräuche unseres Gastlandes miterleben können.

Am schönsten daran finde ich jedoch, dass wir alles mischen und feiern dürfen: die Weihnachtsfeier der Schule, den Adventskalender, Nikolaus am 6. Dezember, die Eröffnung des Alumbrado in Bogota, Deutscher Weihnachtsmarkt mit Glühwein und Stollen, die Zeit der Novenen und Weihnachten mit Feuerwerk. Und das alles bei dem schönsten Wetter des Jahres und der „besten „Verkehrslage, die Bogota im Jahr zu bieten hat.

Unsere Einstimmung auf Weihnachten begann vor einer Woche an unserer Schule. Die Kinder brauchen an diesem Tag keine Schuluniform tragen, sondern werden gebeten sich an diesem Tag in den Weihnachtsfarben grün, weiss und rot zu kleiden. Alles ist erlaubt, auch Rentiergeweih in jeglich blinkender Form sowie Nikolausmützen oder sonstiger lustiger Kram.
Die ganz Kleinen bis einschliesslich Year 2 singen dann im Schultheater zusammen ein paar  Weihnachtslieder abwechselnd auf Spanisch und auf Englisch. Da geht immer mein Herz auf und ich bin immer so stolz…. ach….

Navidad

 

Ab Year 3 spielen dann die Kinder ihre Instrumente vor, für die sie sich im letzten Schuljahr entschieden haben.

So kam ich nun doch endlich in den Genuss meines ersten „Coldplay Konzerts“ mit dem Song „Sky full of stars“.

Das ganze Spektakel beginnt um 2 und dauert bis ca. 6 Uhr. Auf dem Schulhof gibt es zu essen und zu trinken und einen kleinen Weihnachtsmarkt, wo es viele typische Weihnachtsdinge aus den verschiedensten Ländern zu kaufen gibt. Schliesslich organisieren dies die Familien der Schule und so wird es ein bunter internationaler Weihnachtsmarkt….. wenn auch unter Coca-Cola Zelten.

Gegen 18.30 gibt es dann noch ein riesen Feuerwerk und nach 15 Minuten Böllerei ist das alljährliche Weihnachtsfest der Schule zu Ende.

Ich glaube, seit diesem Tag haben wir bisher jeden Abend Feuerwerk in unserer Nachbarschaft hören und sehen können.

Und heute morgen haben mich unsere Kinder nach dem Öffnen des Weihnachtskalenders auch wieder daran erinnert, dass ja heute Nacht der Nikolaus kommt und sie unbedingt ihre Schuhe vor die Tür stellen müssen.
Den Brauch mit dem Weihnachtskalender und Nikolaus gibt es in Kolumbien nicht und wie gut, dass ich damals zwei Kalender aus Deutschland mitgenommen habe, die jedes Jahr neu befüllt werden können. Doch wie ich hörte, verkaufen inzwischen hier und da manche Supermärkte schonmal Kalender. Meiner Haushaltsfee musste ich diesen Brauch jedoch erstmal erklären.

Anstelle des Nikolaus findet hier jedoch die „Noche de las velitas“ statt. In der Nacht vom 7. auf den 8. Dezember kommen die Familien zusammen und essen gemeinsam zu Abend und beleuchten und schmücken danach ihr Haus mit Kerzen. Danach geht es auf zum Spaziergang durch die Nachbarschaft und durch die Strassen um die „Wärme“ der Kerzen überall aufzusaugen, zu tanzen, Krippenspiele anzusehen und Menschen zu treffen.

Das geht meist die ganze Nacht und auch die Kinder bleiben auf. Am 8. Dezember ist glücklicherweise Feiertag und alle können sich ausruhen.

In Villa de Leyva wird drei Nächte lang die“ Nacht der Lichter“ gefeiert. Mit durch Kerzen erleuchteten Strassen und jeden Abend Feuerwerk und Musik, Tanz und Gesang.
Die Nacht der Kerzen wird zu Ehren der Jungfrau Maria und ihrer unbefleckten Empfängnis wegen gefeiert.

Letztes Jahr gab es auch auf dem Gelände des Museums El Chico am 7. und 8. Dezember einen typisch deutschen Weihnachtsmarkt, wo wir Glühwein getrunken und Stollen für Zuhause gekauft haben. Das ganze dann immer bei bestem Wetter, denn die meisten Sonnenstunden in Bogota gibt es im Dezember und Januar und vermutlich werden wir dieses Wochenende mal wieder den Grill anwerfen.
Auch um endlich mal einigermassen stressfrei in die Stadt fahren zu können, bietet sich der Dezember an. Denn viele Schulen sind bereits seit Anfang Dezember bis Mitte Januar geschlossen und so sind bereits viele Familien aus der Stadt ausgeflogen und es wird für bogotanische Verhältnisse in der Stadt leerer und leerer….

Neun Tage vor Weihnachten, am 16. Dezember beginnt dann hier die Zeit der „Novenen“ welche ihren Höhepunkt am 24. Dezember findet. In dieser Zeit laden abwechselnd die Familien der Nachbarschaft zum abendlichen Gebet in ihre Häuser ein. Die jeweilige Krippe wird dann bestaunt und es wird gebetet und gesungen. Die Gebete handeln von den 9 Monaten vor der Geburt Jesu und sollen die Menschen auf die Geburt bzw. Weihnachten einstimmen. Im Anschluss an die Gebete wird dann zusammen gegessen: typische Dinge wie Natilla (ähnlich einem Flan Pudding) und Buñuelos (ähnlich ungesüssten Krapfen). Manchmal versammeln sich die Nachbarn auch im Hof und bereiten diese Dinge über einem Lagerfeuer und alles endet in Tanz und Gesang von Salsa und Merengue…..

Heiligabend ist dann auch hier der Höhepunkt des Weihnachtsfestes und die Familien kommen zusammen. Doch die Geschenke für die Kinder liegen hier nicht unter dem Weihnachtsbaum, sondern werden in der Nacht auf den 25. Dezember unter die Betten der Kinder gelegt. Erwachsene beschenken sich meist nicht.

Tja und viele von Euch können sich vermutlich gar nicht vorstellen an Weihnachten soweit weg von der eigenen Familie, von den Weihnachtsmärkten und gebrannten Mandeln zu sein ohne so richtig Heimweh zu bekommen….

Heimweh an Weihnachten hab ich eigentlich weniger, doch wenn ich den Kölner Tatort einschalte und Ballauf und Schenk am Büdchen am Rhein, Curry Wurst essen und Kölsch trinken sehe, dann wird es schwierig für mich.

 

In diesem Sinne „Drink doch ene mit“ fuer mich und Frohe Weihnachten. Eine besinnliche Weihnachtszeit.

Herzliche Gruesse

 

 

 

 

Ein Traum von Prinzessin! Kolumbianisches Rollenverständnis und Globale Emanzipation!

Lautes Klatschen und Jubelrufe umgeben mich. Meine 5-jährige Tochter hat soeben ihren ersten Schönheitswettbewerb gewonnen. Sie trägt ein rosa Kleidchen und hat ihre blonden Haare mit einer dicken Roten Schleife geschmückt. Ganz elegant und damenhaft bewegt sie sich auf die Jury zu und das ist gar nicht so einfach, denn schliesslich trägt sie bereits ihre ersten Pumps mit ein wenig Absatz. Sie strahlt über das ganze Gesicht und die Jury verkündet, das meine Princessa zukünftig auch im Fernsehen regelmässig moderieren wird. So sei sie doch ein gutes Beispiel einer typischen und hübschen Frau, die anderen Mädchen und Frauen ein gutes Vorbild sein kann. So muss Frau aussehen, dann wird sie von allen geliebt und respektiert. Das ist die Botschaft.

Niña BogotaDicker Nebel umgibt mich und als er sich lichtet sehe ich meine Tochter wieder. Sie ist inzwischen ein paar Jahre älter und hat ihre eigene Familie. Sie putzt und kocht für ihren Mann, der mit einem Freund zur gleichen Zeit Karten spielt und nach einem weiteren Bier verlangt. Ihre Kinder weinen und als sie ihn bittet, mal nach den Kindern zu sehen, antwortet er nur schroff, dass sei nicht seine Aufgabe als Mann. Sie als Mutter solle doch bitte ihrer Verpflichtung nachkommen und sich selbst kümmern.

Schweissgebadet wache ich auf und muss mir erstmal darüber bewusst werden, dass meine beiden Kinder friedlich in ihren Betten schlafen und weder einen Schönheitswettbewerb gewonnen haben noch bald bei einem antreten werden. Mir wird klar, dass mich meine gestrige Begegnung mit einem kolumbianischen Arzt anscheinend sehr aufgewühlt hat und irgendwie vermische ich dies mit meiner erster Begegnung der Miss Bogota, die gerade mal 5 Jahre alt war.
Aufgrund einer Wucherung am Finger meiner Tochter sind mein Mann und ich gestern zu einem Handchirurgen gefahren. Nachdem der Arzt meinen Mann begrüsst hat, reicht er auch mir die Hand. Erst als er meinem Mann die Tür aufhält und ihn bittet auf dem Stuhl in seinem Sprechzimmer Platz zu nehmen, realisiere ich, dass ich hier irgendwie nichts zu melden habe. Mein Mann hingegen ist auch verwirrt und bleibt in der Tür stehen und lässt mich vor ihm durch und bietet mir stattdessen den einzigen Stuhl im Sprechzimmer an. Nun scheint der Arzt etwas verwirrt, richtet jedoch gleich sein Wort und seinen Blick einzig und allein an meinen Mann. Zu blöd, dass meine bessere Hälfte noch nicht soviel Spanisch versteht wie ich und so antworte ich. Der Arzt jedoch würdigt mich keines Blickes und ignoriert mich, nur um das Gespräch weiter an meinen Mann zu richten. ….

Das ich mit meinem Mann in eine Kultur mit patriachalem System gezogen bin, wird mir in diesem Moment erneut sehr bewusst. So ein Verhalten hätte ich in anderen Ländern dieser Erde erwartet, aber irgendwie nicht hier.
Schmunzelnd denke ich zurück an einen Grillabend, zu dem wir eingeladen hatten. Auch kolumbianische Nachbarn kamen zu Besuch. Als sie gerade ankommen und die Männer mit dem Hände schütteln fertig sind, reicht mir der Kolumbianer die Hand und ich lehne mit einem Grinsen ab und sage: „Zuerst die Frau!“ und reiche seiner Frau die Hand. Erst als sie zögert und ihren Mann stumm mit einem verwirrten Blick um Erlaubnis bittet, dämmert mir, dass ich wohl irgendwie in ein Fettnäpfchen getreten bin. Doch ihr Mann ist weit gereist und hat viele Jahre auch in Deutschland gearbeitet. Er erklärt ihr, dass es in Deutschland üblich sei, zuerst die Frau zu begrüßen und dann den Mann. Sie dürfe mich also ruhig zuerst begrüßen. Ich staune und denke nur, der hat sie doch nicht alle!

All diese Begegnungen der dritten Art, habe ich anscheinend in meinem Traum ein wenig durcheinander gebracht und verarbeitet. Aber warum kommen all diese Begegnungen quasi einem Schockzustand gleich.  Bin ich wirklich kulturell so anders geprägt?

Woher kommt das? Und welche Werte und Überzeugungen stehen eigentlich dahinter?

Werte sind oft meist tiefe und nicht hinterfragte Überzeugungen, die wir von unseren Eltern, von Lehrern aber auch durch unsere eigenen Erfahrungen geformt und verinnerlicht haben.

Eine meine Überzeugungen ist, dass wir Frauen natürlich hübsch aussehen können, wenn wir es wollen, aber es nicht zwangsläufig müssen, um in unserer Gesellschaft respektiert und ernst genommen zu werden. Hier in Kolumbien habe ich aber kürzlich gelesen, dass das Rollenbild der Frau noch ein völlig anderes ist:
Frauen müssen schön sein, denn hässliche Frauen werden verachtet. Daher sind Schönheitswettbewerbe die Medien-Events des Jahres und suggerieren bereits schon den kleinsten Mädchen, wie sie sein sollten. So habe ich doch auch letztens selbst erlebt, dass insbesondere die kolumbianischen Mädchen vor einer Kinder-Geburtstagseinladung ersteinmal zum Friseur gehen und sich die Haare aufdrehen lassen. Dann werden Kleidchen angezogen, die mich an die Mode von 1950 erinnern. Meine Mutter hat auch so ausgesehen. Das weiß ich von Fotos von damals.
Habe ich nun eine Zeitreise gemacht oder an was glauben die Kolumbianer?

In einem Artikel von Julieta Romero Güeto von Juni 2013 lese ich, dass das Rollenbild von Mann und Frau in Kolumbien ganz klar definiert ist. Frauen haben hübsch zu sein und sich unterzuordnen. Männer weinen nicht, kochen nicht, passen nicht auf Kinder auf, müssen eine evtl. Untreue ihrer Frau ahnden und das fiese Gefühl der Eifersucht gilt es auch nicht zu vermeiden, nein es ist vielmehr eine Tugend hier!

Es hilft mir ein wenig zu verstehen, was hier eigentlich los ist. Ich kann es sogar akzeptieren. Da ich keine Kolumbianerin bin, zählen diese Werte nicht für mich. Bei einem Gespräch mit einem Macho-Mediziner kann ich die Gesprächszeit und seine männliche Arroganz auch schmunzelnd ertragen, schliesslich weiss ich was für mich zählt und ich kann mich abgrenzen! Ich weiss, dass ich als Deutsche Frau die gleichen Rechte habe wie ein Mann, dass ich ein hohes Bildungsniveau genieße und mich nicht unterordnen muss. Es sei denn, ich will es anders.

Aber was ist mit meinen Töchtern?

Sie sind noch sehr jung und ich befürchte, dass sie einige Überzeugungen die mit der Rolle der Frau einhergehen, annehmen könnten.

Annehmen, dass sie sich einem Mann unterzuordnen haben.
Annehmen, dass sie nicht alles in der Welt werden können, weil sie weiblich sind.
Annehmen, dass sie stets toll aussehen müssen um respektiert zu werden.

Vor Jahren im Heimatland haben die Kinder keine Misswahlen im Kindergarten abgehalten, vielmehr haben sie Seminare zum Thema „Ich bin stark, ich sag laut Nein!“ besucht. Hier ging es darum, dass die Kinder selbstbewusst werden, egal ob Männlein oder Weiblein. Dass meine Tochter den Schokoriegel nicht abgeben oder teilen muss, wenn ein anderes Kind dies lauthals verlangt. Ich kann an dieser Stelle sogar noch weiter gehen und Jesper Juul wiedergeben, der sogar in Frage stellt, ob es heute noch angebracht sei, seinen Kindern den Wert des Teilens abzuverlangen, damit das andere Kind nicht traurig ist. Er stellt dazu die Frage, ob die 16- Jährige Elfriede mit dem Jungen schlafen soll, damit er nicht traurig ist?

Meine Kinder müssen niemanden die Hand zur Begrüßung geben und sich erst recht nicht von Oma, Opa, Tante etc. küssen und/oder knuddeln lassen, wenn sie das nicht wollen. Das wird heute in deutschen Kindergärten gelehrt und ich halte das für absolut legitim und hätte mich gefreut, wenn ich dies in meiner Kindheit auch nicht hätte ertragen müssen.

Doch hier in Kolumbien sollen Kinder vor allem eines: gehorchen und nicht auffallen. Mädchen sollen hübsch sein und mit Puppen spielen. Jungs mit Autos. Mich schüttelt es jedesmal wenn meine Kinder sich von lateinamerikanischen Kindern verabschieden. Viele Eltern verlangen oft, dass sie sich zum Abschied in den Arm nehmen. Ob sie wollen oder nicht.

Meine Einstellung entspricht da auch eher der von Juul: „Gehorsame Kinder entwickeln keine Identität, sondern lernen zu folgen.“ Meine Kinder sollen nur folgen, wenn sie es wollen und davon überzeugt sind. Nicht weil sie weiblich sind und schon gar nicht, weil sie „nur“ Kind sind.

Aber wie erreiche ich dies bei Ihnen? Und finden meine Kinder, meine Überzeugungen eigentlich genauso gut wie ich?

Vermutlich muss ich einfach darauf vertrauen, dass sie ihren Weg schon machen werden. Ich und mein Mann können nur versuchen während unserer Familienzeit ihnen unser Miteinander vorzuleben: ich repariere schon mal Fahrräder, baue Schränke auf oder programmiere den Fernseher neu, während ihr Vater einkaufen geht und für uns alle anschliessend lecker kocht.
Zu Weihnachten stehen auf den Wunschzetteln meiner Kinder auch Bücher über die Geschichte der Fliegerei, aber genauso auch eine neue Barbie-Puppe. Sehen wir im Fernsehen Angela Merkel, erkläre ich Ihnen, dass sie unsere höchste Regierungsfrau ist und eine ähnliche Funktion hat, wie der Amerikanische Präsident.

Ich kann nur versuchen, Ihnen die Welt und ihre Möglichkeiten so offen und vielfältig zu zeigen, wie sie ist. Und, dass sie keine Grenzen und Einschränkungen fürchten sollen, nur weil sie weiblich sind.

Und letztendlich haben die beiden Mädels doch einen riesen Vorteil, dass sie international und multi- und nicht monokulturell aufwachsen. So wie es für Third Culture Kids typisch ist, werden sie ihre Werte und Überzeugungen aus verschiedenen Kulturen picken und mischen.

Doch ein kleiner Angstzweifel bleibt in mir. Was wenn nicht?

Abschied nehmen – ein exclusiver Expat Deal?

Wiskey peinaDas Jahr geht zu Ende und so auch das erste Schulhalbjahr. Ganz oft bedeutet dies auch für Expat Familien, dass sie zum Halbjahreswechsel mit ihren Kindern wieder umziehen werden. Zwar ist meist die „Umschlagsrate“ des Kommens und Gehens im Januar nicht so gross wie am Ende des Schuljahres, doch werden im November und Dezember meist auch jede Menge „Farewell Parties“ gegeben.
Das klingt grundsätzlich doch erstmal sehr traurig und widersprüchlich:  eine Party machen, weil jemand geht. Als ob wir glücklich darüber wären uns von neu gewonnenen Freunden und „Verbündeten Expats“ im Ausland zu verabschieden.
Wir sind bestimmt nicht froh, doch wir wissen irgendwie alle, dass das zu unserem Expat Life dazu gehört. Das war der Deal und wir können nicht behaupten, dass wir zu Beginn der Freundschaften in der neuen Heimat auf Zeit nichts davon gewusst hätten.

Im Oktober traf es zum ersten Mal mich mit voller Wucht, als meine Freundin erklärte, dass sie bereits im Dezember mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern Kolumbien verlassen würde. Ganz aufgeregt war sie und ich konnte es ihr nachvollziehen. Ein Umzug in ein neues Land bedeutet schliesslich jedesmal ein Aufbruch ins Neue und obwohl sie diverse Male bereits umgezogen war (sie lebten schon in Australien, in Singapur, in den Staaten und nun in Kolumbien) eigentlich ein Experte auf diesem Gebiet war, sagte sie doch, dass sie unheimlich nervös und hibbelig sei.
Erst als sie gegangen war, wurde mir klar, dass es nun das erste Mal für mich war, dass ich verlassen werden würde. Verlassen werden in dem Sinne, dass die Freunde gehen und nicht wir. Wir haben unsere Freunde in Deutschland verlassen und so auch in Thailand. Aktiv zu gehen mit all dem Adrenalin in den Poren und dem Blick auf das neue Land, erscheint mir einfacher, als zurück gelassen zu werden. Und doch, ist der Schmerz irgendwie beim „Verlassen werden“nicht so schlimm. Gute Freunde gehen und viele andere interessante Menschen werden kommen. Vielleicht haut es mich deshalb nicht so um, weil wir irgendwo in unserem Inneren wissen, wie klein die Expat Welt doch ist und dass es wirklich gut sein kann, dass wir uns an einem anderen Fleck auf der Erde wieder sehen. Abgesehen von Besuchen im Sommer, die zunehmend immer umfangreicher werden, weil wir inzwischen nicht nur sesshafte alte Freunde in Deutschland in dieser Zeit besuchen, sondern auch mehr und mehr unsere Expat Freunde und die Expat Freunde unserer Kinder. Irgendwie macht es unsere Nomadentum doch auch wieder spannend und prickelnd. Und was ja auch ganz häufig passiert ist, dass wir Freunde an den Dreh- und Angelplätzen dieser Welt wieder treffen. Wer von Euch ist noch nicht schon mal am Flughafen einem alten Freund in die Arme gelaufen oder hat beim Einschecken entdeckt, wer noch mit Dir in diesem Flugzeug sitzt.
Das ist der Deal und wir wissen es. Lass uns eine „Fiesta Desperdida“ feiern.

Was aber, wenn Du auf einmal auf einen „Local“ triffst, der Dir und Deiner Familie ans Herz wächst?

So einen haben wir hier gefunden und wenn ich an den Abschied von ihm und seiner Familie denke, dann macht mich das traurig. Sehr sehr traurig. Ich frage mich, wo der Unterschied liegt zu dem Abschied meiner Freundin und dem Abschied von ihm. Irgendwie ist das Gefühl in mir in diesem Fall ein völlig anderes und irgendwie  soviel mehr endgültig.
Noch gehen wir ja nicht weg, doch es ist sehr wahrscheinlich, dass wir im nächsten Sommer umziehen werden. Wie es dann für uns weitergeht, wissen wir noch nicht, aber das ist ein anderes Thema.

Alonso lernten wir durch Zufall kennen und ich habe schon in früheren Beiträgen von ihm gesprochen:  er ist unser Hundetrainer!
Letztes Jahr habe ich ja nach einem Hund gesucht und mir wurde die Polizei-Hunde-Schule empfohlen, um einen Welpen zu finden. Da ich damals auch noch überhaupt keine Ahnung von der Erziehung eines Schäferhundes hatte, brauchte ich bald Hilfe und nahm Kontakt zu Alonso auf, damit er mir hierbei half.

Alonso ist in erster Linie Polizist in Kolumbien. Seine Aufgabe innerhalb der Polizei ist der Personenschutz des Ex-Präsidenten Uribe.
Er beschützt also den Ex Präsidenten bei allen Anlässen in einer Art Secret Service. Gleichzeitig ist er Sprengstoffexperte und Hundetrainer. Hauptsächlich trainiert er die Hunde der Polizei auf Sprengstoff- und Drogensuche. Jeder Hund wird speziell nur für eine Aufgabe ausgebildet. Sein letzter Hund, der ihn 8 Jahre begleitete, verstarb im letzten Jahr auf einem Kokainfeld irgendwo in Kolumbien. Die Drogenbanden verminen die Anbaufelder und die Polizei, die seit den 90iger Jahren zusammen mit dem Militär sehr erfolgreich aber auch vehement gegen diese Banden kämpft, suchen nach diesen Feldern und roden diese. Hierbei müssen vorab die Sprengstoffhunde helfen und die Minen aufspüren, die unter den Pflanzen versteckt sind. Erst wenn alle Minen gefunden und entsorgt sind, wird gerodet.
Im letzten Jahr zog leider ein Kollege von Alonso eine Pflanze vorschnell aus dem Boden und die Mine explodierte. Der Hund von Alonso war leider zu nah dran und verstarb. Es hat lange gedauert, bis er sich einen neuen Hund angeschafft hat, doch seit drei Monaten hat er nun einen neuen Compañero, der inzwischen auch sehr erfolgreich Sprengstoff aufspüren kann.

Jedenfalls lernten wir Alonso im letzten Jahr kennen und inzwischen ist er ein sehr guter Freund der Familie. Mir hilft er mit der Erziehung von Whiskey. Er hat mir gezeigt wie ich den Hund selbst waschen und pflegen kann und als Whiskey sich letztes Jahr am Bein schwer verletzt hat, kam er sofort, säuberte und nähte die Wunde und begleitete mich sofort zum nächsten Tierarzt. Er behandelt Whiskey inzwischen als wäre es auch sein Hund und wir sehen, dass sein Herz wirklich an diesem Tier hängt.

Alonso sprach auch von Anfang an komplette spanische Sätze mit mir und wenn ich was nicht verstanden hatte, versuchte er es mit anderen Worten oder Gesten. Oft war es sehr lustig.

Inzwischen spielt mein Mann auch ganz oft mit der Truppe der Hundepolizeischule Fussball und die Kinder werden demnächst bei der berittenen Polizei auch Reitunterricht nehmen. All das ist nur durch ihn möglich, weil dies sonst nur Familienangehörigen der Polizisten vorbehalten ist. Alonso hat auch Familie. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne und ich habe keine Ahnung wie seine Frau mit den Sondereinsätzen von ihm klar kommt.
Als ich mir vor ein paar Monaten eine dicke Schramme in mein Auto fuhr, war es auch Alonso der mein Auto zu einer entsprechenden vertrauenswürdigen Werkstatt fuhr (hier kann man sein Auto nicht einfach zur Reparatur abgeben, unter Umständen ist es dann weg) und mir zu einem günstigen Preis für die Reparatur verhalf.
Als wir in unseren neuen Compound umzogen, war er es, der erstmal die Sicherheitsvorkehrungen der Wohnanlage prüfte und Kontakt zur Administration aufnahm um wirklich sicher zu gehen, dass wir hier alle gut aufgehoben sind. Letzten Sommer während unseres Deutschlandurlaubes hat er unsere Katze für sechs Wochen bei sich zu Hause aufgenommen, weil wir keine geeignete Pflegestelle finden konnten. Dabei weiss jeder, dass Hundeliebhaber nicht unbedingt Katzenliebhaber sind.
Whiskey hat er in der Polizeischule für den gleichen Zeitraum beherbergt und ihr weitere lustige Tricks beigebracht. Bei der Fussball WM haben wir am Ende alle für Deutschland mitgefiebert.
Schlichtum, er kümmert sich um uns und das so ganz freundschaftlich. Er ist uns allen sehr Herz gewachsen.

Tja und da er nicht die finanziellen Möglichkeiten hat, uns mal eben so an einem neuen Erdenfleck zu besuchen, hat ein Abschied von ihm irgendwie den Charakter „für immer“. Obwohl wir natürlich jederzeit nochmal nach Bogota zu Besuch kommen könnten. Und schon lange habe ich überlegt, wie sage ich ihm, dass wir nächsten Sommer vermutlich von Dannen ziehen werden? Aber die Offenbarung eilt ja nicht, dachte ich. Schliesslich ist es noch ein Weilchen hin bis zum nächsten Sommer.
Doch dann kam die Frage von ihm, ob ich mir vorstellen könnte, Whiskey nächstes Frühjahr decken zu lassen. Sie sei so ein toller Hund und er hätte gern Welpen von ihr, für die Polizeiausbildung. Ja und so als Expat, sagte ich direkt frei heraus, dass es sein könnte, dass wir nächstes Jahr wieder umziehen würden. „Aber innerhalb Kolumbiens?, fragte er mich. Und als ich den Kopf schüttelte, merkte ich wie sehr ihn das traf. Er würde nicht nur uns als Freunde verlieren, sondern auch seinen Pflegehund. Und Welpen gab es so auch nicht für ihn.

An dieser Stelle merkte ich ganz deutlich, wie normal für mich das Abschied nehmen inzwischen war.

Mir war die Schlagkraft meiner an ihn gerichteten Worte gar nicht bewusst gewesen. Erst durch seine Reaktion wurde ich daran erinnert, wie schmerzhaft Abschied sein kann. Und dann ist er auch noch Latino. Was ich damit sagen will ist, dass diese so herzlich und emotional sind. Vermutlich denkt er jetzt doch, dass Alemanes kalt und gefühllos seien. So wie es unser Ruf besagt.

Aber war das nicht der Deal? Wusste er nicht von Anfang an, dass wir irgendwann weiter ziehen würden?

Nein – ich glaube, dass das ständige Abschied nehmen ohne in Depressionen zu verfallen ein Expat Deal ist. Ein einzigartiges Phänomen, dass uns Farewell Parties und Fiestas Despedidas feiern lässt.

Doch schliessen wir Freundschaften zu Locals, verändert sich doch alles. Oder nicht?

 

Willst Du wirklich mit mir shoppen gehen?

Da ich ja in meinem Blogartikel „Meine ganz persönliche kleine Schwäche so wunderbar und blumig über DAS Shopping Event des Jahres geschrieben habe, will ich Euch heute mal über meinen abenteuerlichen Gang in den Supermarkt und die Shopping Mall in Bogota schreiben. Nehmt mir die spitze Art des Schreibens nicht übel, so ermöglicht sie mir doch das Ganze mit einer gewissen Art des Humors zu ertragen.

Aber fangen wir doch beim Schuhe kaufen an: Um es kurz zu machen, meine Schuhgröße gibt es hier nicht und mein Kindheitstrauma verpasst durch meine Mutter, dass es für meine riesen Quatratlatschen schwierig sei Schuhe zu finden, lebt doch da direkt wieder auf. Dabei liegt meine Grösse unterhalb der 42. Aber nichts zu machen. Hier sind alle Frauen zierlich, kurvig und klein mit höchstens Schuhgröße 36. Wie süss. Diese Grösse hat meine Tochter auch bald. Mit 8 Jahren!

Also verlassen wir schnell wieder das Schuhgeschäft mit den entsetzten Gesichtern der Verkäuferinnen, die die Frage nach meiner Grösse noch nicht so ganz verdaut haben.

Versuchen wir doch eine Hose für mich zu finden. Als mittel hochgewachsene Europäerin stellt sich auch das schwierig dar. Hier gibt es oft nur Hosen für maximal 1,65 m große Frauen. Alles darüber ist sicherlich auch zu finden, doch dafür reicht mein Insiderwissen noch nicht.
Aber das wirklich schlimmste für mich in den Geschäften ist die Penetranz der Verkäufer. Sobald ich den ersten Schritt in das Ladenlokal getan habe, stürzt sich direkt jemand auf mich und fragt, womit er helfen kann. Inzwischen kann ich zwar auch auf Spanisch freundlich sagen, dass ich mich nur mal umsehen möchte, aber sobald die Verkäufer clever festgestellt haben, für welche Art Kleidungsstück ich mich interessiere, kleben sie wieder an mir und loben die Vorteile dieses Kleidungsstücks und eilen mit Alternativen heran.
In der Regel verlasse ich genervt nach dem dritten „Anmachversuch“ jedes Geschäft.

Leider lässt sich jedoch der wöchentliche Lebensmitteleinkauf nicht aufschieben oder gar vermeiden. Noch bevor ich den Laden allerdings wirklich betrete, werden mir schon kleine Kaffeebecher (Cafecitos) zum kostenlosen testen bzw. probieren angeboten. Was ich daran interessant finde sind die Frauen im Sportdress, die anscheinend nach ihrem morgendlichen Work out aus dem um die Ecke gelegenen Fitness Center direkt hierher kommen und  sich hier im „Steh-Kaffee“ zum Abschlussklönen treffen. Sollte ich jemals eine Liste schreiben, wie sich in Bogota Geld sparen lässt, komme ich auf jeden Fall darauf zurück.

Beim Hundefutter angekommen, will ich schon meinen „Sack“ in den Wagen stellen, da kommt die nächste Verkäuferin auf mich zugerannt. Sie sagt, den Sack bräuchte ich doch nicht in meinen Wagen stellen. Sie könne ihn doch auch direkt an die Kasse liefern. Also, Bitte schön.
Beim Fleisch aus dem Kühlregal habe ich auch keine Zeit so richtig mir was auszusuchen, denn die nächste eifrige Verkäuferin fragt mich schon, was ich denn haben wolle.
Sie benennt alle Hühnersorten und deren Eigenschaften. Fragt mich nach der Herstellermarke die ich favorisiere und holt das erste Mal wirklich Luft, als sie merkt, dass ich nur ungefähr ein Drittel von dem was sie gesagt hat, verstanden habe.
Seitdem jedoch, ignoriert mich diese Verkäuferin und ich muss das Bluttriefende Fleisch selbst aus dem Regal nehmen und in eine dafür vorgesehene extra Tüte packen. Nicht das Schlechteste.

Inzwischen habe ich hier sogar eine Käsesorte entdeckt, die mir schmeckt. Der spanische Iberico. Und das wunderbare daran ist, dass dieser meist schon abgepackt in der Käsetheke liegt und ich keine nette Konversation mit Verkäufern eingehen muss. Nur irgendwie finde ich den Iberico heute nicht so richtig und hebe sämtliche abgepackten Stückchen an um mit etwas Glück den Namen des Käses lesen zu können. Und schwups, beugt sich die Käse Dame über den Tresen und weist mich freundlich darauf hin, dass ich nicht alles durcheinander bringen müsse – sie könne mir auch helfen. Wie nett. Als ich meinen Käse dann gefunden habe, bekomme ich noch mit, wie sie ihrer Kollegin zuzischt, dass diese Ausländer sich doch einfach nicht benehmen können.

Bevor ich zur Kasse gehen, lade ich mir noch ein paar Flaschen Wein in den Korb um meinen Schmerz über das eben Gehörte bald runterspülen zu können. An der Kasse angekommen, drängelt sich dann auch noch eine Dame mit den Worten vor, sie sei Kolumbianerin und ich Ausländerin. Daher hätte sie das Vorrecht vor mir an die Kasse zu gehen. Wenns mir nicht passen würde, könnte ich ja in mein Land zurück gehen.

Ich überlege schon, den Wein schon direkt hier auf zu machen, doch da verteidigt mich die Dame hinter mir und weist ihre Landesfrau erstmal gehörig zurecht.

Nachdem ich meine Einkäufe dann aufs Band gelegt habe, sagt die Kassiererin dann mit traurigem Blick zu mir : „Que pena con usted, pero no es posible que compran el vino.“ Ach ja, in den meisten Geschäften darf man sich erst nach 10 Uhr morgens betrinken. Es ist allerdings erst 10 Minuten vor 10 und so darf der Wein noch nicht verkauft werden.

Aber was jetzt folgt, hebt meine Laune doch auch jedesmal erherblich: Es ist quasi das Highlight meines Einkaufs und ich bin nach wie vor immernoch fasziniert von dieser extremen Langsamkeit beim Kassieren und dem anschliessenden Sortieren meiner Lebensmittel. Hier werden nämlich nicht nur alle Einkäufe von der Kassierin direkt in Tüten gepackt, nein, hier werden auch noch die Sachen sortiert:  Wurst zu Wurst, Spülmittel zum Waschmittel und Fleisch zu Fleisch.
Als die Kasserierin nach einer Ewigkeit mit diesem Prozedere fertig ist, schiebt sie noch mein gekauftes Stück Leberwurst über den Scanner. Dann läuft sie aufgeregt zu mir und sucht in den bereits gepackten und mit Knoten verschlossenen Tüten nach der Frischware. Damit ich es beim Auspacken ganz einfach habe und die Dinge für den Kühlschrank auch in einer Tüte zusammen gepackt sind, erklärt sie lächelnd.  Um meine einzige Flasche Küchenreiniger wird auch noch eine Tüte gepackt und diese dann verschlossen. So kann ich wenigstens die Aufschrift auf der 100sten Tüte in meinem Einkaufskorb deutlich lesen : „Si el planeta quieres cuidar, menos bolsas debes usar.“ Heist soviel wie, wenn Du den Planeten schützen willst, dann benutze so wenig Tüten wie möglich. Ja, das befolgen die hier ja wie verrückt.

Wie schon erwähnt gibt es in Kolumbien noch kein schwedisches Möbelhaus und so gibt es für mich auch leider kein weiteres Highlight beim Shoppen.

So allerdings nicht für meinen Mann: denn, als wir zuletzt in einem Möbelhaus nach einem neuen Esstisch gesucht haben, stürzte sich diese Dame direkt auf ihn. Fraglich war in diesem Moment für mich, ob sie wirklich Möbel verkaufen will oder doch das Aushängeschild für die plastische Chirugie des Landes war. Immerhin ein Highlight, wenn auch nicht für mich!

 

Möbelfrau