Die geballte Tradition des Weihnachtsfestes im Gastland ist das beste Expat Geschenk

Die Weihnachtszeit in einer fremden Kultur zu erleben empfinde ich als eines der besten Geschenke, die mir unser Expat Leben so bescheren kann. Schliesslich ist dies eine Zeit, in der wir geballt die Tradition und Bräuche unseres Gastlandes miterleben können.

Am schönsten daran finde ich jedoch, dass wir alles mischen und feiern dürfen: die Weihnachtsfeier der Schule, den Adventskalender, Nikolaus am 6. Dezember, die Eröffnung des Alumbrado in Bogota, Deutscher Weihnachtsmarkt mit Glühwein und Stollen, die Zeit der Novenen und Weihnachten mit Feuerwerk. Und das alles bei dem schönsten Wetter des Jahres und der „besten „Verkehrslage, die Bogota im Jahr zu bieten hat.

Unsere Einstimmung auf Weihnachten begann vor einer Woche an unserer Schule. Die Kinder brauchen an diesem Tag keine Schuluniform tragen, sondern werden gebeten sich an diesem Tag in den Weihnachtsfarben grün, weiss und rot zu kleiden. Alles ist erlaubt, auch Rentiergeweih in jeglich blinkender Form sowie Nikolausmützen oder sonstiger lustiger Kram.
Die ganz Kleinen bis einschliesslich Year 2 singen dann im Schultheater zusammen ein paar  Weihnachtslieder abwechselnd auf Spanisch und auf Englisch. Da geht immer mein Herz auf und ich bin immer so stolz…. ach….

Navidad

 

Ab Year 3 spielen dann die Kinder ihre Instrumente vor, für die sie sich im letzten Schuljahr entschieden haben.

So kam ich nun doch endlich in den Genuss meines ersten „Coldplay Konzerts“ mit dem Song „Sky full of stars“.

Das ganze Spektakel beginnt um 2 und dauert bis ca. 6 Uhr. Auf dem Schulhof gibt es zu essen und zu trinken und einen kleinen Weihnachtsmarkt, wo es viele typische Weihnachtsdinge aus den verschiedensten Ländern zu kaufen gibt. Schliesslich organisieren dies die Familien der Schule und so wird es ein bunter internationaler Weihnachtsmarkt….. wenn auch unter Coca-Cola Zelten.

Gegen 18.30 gibt es dann noch ein riesen Feuerwerk und nach 15 Minuten Böllerei ist das alljährliche Weihnachtsfest der Schule zu Ende.

Ich glaube, seit diesem Tag haben wir bisher jeden Abend Feuerwerk in unserer Nachbarschaft hören und sehen können.

Und heute morgen haben mich unsere Kinder nach dem Öffnen des Weihnachtskalenders auch wieder daran erinnert, dass ja heute Nacht der Nikolaus kommt und sie unbedingt ihre Schuhe vor die Tür stellen müssen.
Den Brauch mit dem Weihnachtskalender und Nikolaus gibt es in Kolumbien nicht und wie gut, dass ich damals zwei Kalender aus Deutschland mitgenommen habe, die jedes Jahr neu befüllt werden können. Doch wie ich hörte, verkaufen inzwischen hier und da manche Supermärkte schonmal Kalender. Meiner Haushaltsfee musste ich diesen Brauch jedoch erstmal erklären.

Anstelle des Nikolaus findet hier jedoch die „Noche de las velitas“ statt. In der Nacht vom 7. auf den 8. Dezember kommen die Familien zusammen und essen gemeinsam zu Abend und beleuchten und schmücken danach ihr Haus mit Kerzen. Danach geht es auf zum Spaziergang durch die Nachbarschaft und durch die Strassen um die „Wärme“ der Kerzen überall aufzusaugen, zu tanzen, Krippenspiele anzusehen und Menschen zu treffen.

Das geht meist die ganze Nacht und auch die Kinder bleiben auf. Am 8. Dezember ist glücklicherweise Feiertag und alle können sich ausruhen.

In Villa de Leyva wird drei Nächte lang die“ Nacht der Lichter“ gefeiert. Mit durch Kerzen erleuchteten Strassen und jeden Abend Feuerwerk und Musik, Tanz und Gesang.
Die Nacht der Kerzen wird zu Ehren der Jungfrau Maria und ihrer unbefleckten Empfängnis wegen gefeiert.

Letztes Jahr gab es auch auf dem Gelände des Museums El Chico am 7. und 8. Dezember einen typisch deutschen Weihnachtsmarkt, wo wir Glühwein getrunken und Stollen für Zuhause gekauft haben. Das ganze dann immer bei bestem Wetter, denn die meisten Sonnenstunden in Bogota gibt es im Dezember und Januar und vermutlich werden wir dieses Wochenende mal wieder den Grill anwerfen.
Auch um endlich mal einigermassen stressfrei in die Stadt fahren zu können, bietet sich der Dezember an. Denn viele Schulen sind bereits seit Anfang Dezember bis Mitte Januar geschlossen und so sind bereits viele Familien aus der Stadt ausgeflogen und es wird für bogotanische Verhältnisse in der Stadt leerer und leerer….

Neun Tage vor Weihnachten, am 16. Dezember beginnt dann hier die Zeit der „Novenen“ welche ihren Höhepunkt am 24. Dezember findet. In dieser Zeit laden abwechselnd die Familien der Nachbarschaft zum abendlichen Gebet in ihre Häuser ein. Die jeweilige Krippe wird dann bestaunt und es wird gebetet und gesungen. Die Gebete handeln von den 9 Monaten vor der Geburt Jesu und sollen die Menschen auf die Geburt bzw. Weihnachten einstimmen. Im Anschluss an die Gebete wird dann zusammen gegessen: typische Dinge wie Natilla (ähnlich einem Flan Pudding) und Buñuelos (ähnlich ungesüssten Krapfen). Manchmal versammeln sich die Nachbarn auch im Hof und bereiten diese Dinge über einem Lagerfeuer und alles endet in Tanz und Gesang von Salsa und Merengue…..

Heiligabend ist dann auch hier der Höhepunkt des Weihnachtsfestes und die Familien kommen zusammen. Doch die Geschenke für die Kinder liegen hier nicht unter dem Weihnachtsbaum, sondern werden in der Nacht auf den 25. Dezember unter die Betten der Kinder gelegt. Erwachsene beschenken sich meist nicht.

Tja und viele von Euch können sich vermutlich gar nicht vorstellen an Weihnachten soweit weg von der eigenen Familie, von den Weihnachtsmärkten und gebrannten Mandeln zu sein ohne so richtig Heimweh zu bekommen….

Heimweh an Weihnachten hab ich eigentlich weniger, doch wenn ich den Kölner Tatort einschalte und Ballauf und Schenk am Büdchen am Rhein, Curry Wurst essen und Kölsch trinken sehe, dann wird es schwierig für mich.

 

In diesem Sinne „Drink doch ene mit“ fuer mich und Frohe Weihnachten. Eine besinnliche Weihnachtszeit.

Herzliche Gruesse

 

 

 

 

Willst Du wirklich mit mir shoppen gehen?

Da ich ja in meinem Blogartikel „Meine ganz persönliche kleine Schwäche so wunderbar und blumig über DAS Shopping Event des Jahres geschrieben habe, will ich Euch heute mal über meinen abenteuerlichen Gang in den Supermarkt und die Shopping Mall in Bogota schreiben. Nehmt mir die spitze Art des Schreibens nicht übel, so ermöglicht sie mir doch das Ganze mit einer gewissen Art des Humors zu ertragen.

Aber fangen wir doch beim Schuhe kaufen an: Um es kurz zu machen, meine Schuhgröße gibt es hier nicht und mein Kindheitstrauma verpasst durch meine Mutter, dass es für meine riesen Quatratlatschen schwierig sei Schuhe zu finden, lebt doch da direkt wieder auf. Dabei liegt meine Grösse unterhalb der 42. Aber nichts zu machen. Hier sind alle Frauen zierlich, kurvig und klein mit höchstens Schuhgröße 36. Wie süss. Diese Grösse hat meine Tochter auch bald. Mit 8 Jahren!

Also verlassen wir schnell wieder das Schuhgeschäft mit den entsetzten Gesichtern der Verkäuferinnen, die die Frage nach meiner Grösse noch nicht so ganz verdaut haben.

Versuchen wir doch eine Hose für mich zu finden. Als mittel hochgewachsene Europäerin stellt sich auch das schwierig dar. Hier gibt es oft nur Hosen für maximal 1,65 m große Frauen. Alles darüber ist sicherlich auch zu finden, doch dafür reicht mein Insiderwissen noch nicht.
Aber das wirklich schlimmste für mich in den Geschäften ist die Penetranz der Verkäufer. Sobald ich den ersten Schritt in das Ladenlokal getan habe, stürzt sich direkt jemand auf mich und fragt, womit er helfen kann. Inzwischen kann ich zwar auch auf Spanisch freundlich sagen, dass ich mich nur mal umsehen möchte, aber sobald die Verkäufer clever festgestellt haben, für welche Art Kleidungsstück ich mich interessiere, kleben sie wieder an mir und loben die Vorteile dieses Kleidungsstücks und eilen mit Alternativen heran.
In der Regel verlasse ich genervt nach dem dritten „Anmachversuch“ jedes Geschäft.

Leider lässt sich jedoch der wöchentliche Lebensmitteleinkauf nicht aufschieben oder gar vermeiden. Noch bevor ich den Laden allerdings wirklich betrete, werden mir schon kleine Kaffeebecher (Cafecitos) zum kostenlosen testen bzw. probieren angeboten. Was ich daran interessant finde sind die Frauen im Sportdress, die anscheinend nach ihrem morgendlichen Work out aus dem um die Ecke gelegenen Fitness Center direkt hierher kommen und  sich hier im „Steh-Kaffee“ zum Abschlussklönen treffen. Sollte ich jemals eine Liste schreiben, wie sich in Bogota Geld sparen lässt, komme ich auf jeden Fall darauf zurück.

Beim Hundefutter angekommen, will ich schon meinen „Sack“ in den Wagen stellen, da kommt die nächste Verkäuferin auf mich zugerannt. Sie sagt, den Sack bräuchte ich doch nicht in meinen Wagen stellen. Sie könne ihn doch auch direkt an die Kasse liefern. Also, Bitte schön.
Beim Fleisch aus dem Kühlregal habe ich auch keine Zeit so richtig mir was auszusuchen, denn die nächste eifrige Verkäuferin fragt mich schon, was ich denn haben wolle.
Sie benennt alle Hühnersorten und deren Eigenschaften. Fragt mich nach der Herstellermarke die ich favorisiere und holt das erste Mal wirklich Luft, als sie merkt, dass ich nur ungefähr ein Drittel von dem was sie gesagt hat, verstanden habe.
Seitdem jedoch, ignoriert mich diese Verkäuferin und ich muss das Bluttriefende Fleisch selbst aus dem Regal nehmen und in eine dafür vorgesehene extra Tüte packen. Nicht das Schlechteste.

Inzwischen habe ich hier sogar eine Käsesorte entdeckt, die mir schmeckt. Der spanische Iberico. Und das wunderbare daran ist, dass dieser meist schon abgepackt in der Käsetheke liegt und ich keine nette Konversation mit Verkäufern eingehen muss. Nur irgendwie finde ich den Iberico heute nicht so richtig und hebe sämtliche abgepackten Stückchen an um mit etwas Glück den Namen des Käses lesen zu können. Und schwups, beugt sich die Käse Dame über den Tresen und weist mich freundlich darauf hin, dass ich nicht alles durcheinander bringen müsse – sie könne mir auch helfen. Wie nett. Als ich meinen Käse dann gefunden habe, bekomme ich noch mit, wie sie ihrer Kollegin zuzischt, dass diese Ausländer sich doch einfach nicht benehmen können.

Bevor ich zur Kasse gehen, lade ich mir noch ein paar Flaschen Wein in den Korb um meinen Schmerz über das eben Gehörte bald runterspülen zu können. An der Kasse angekommen, drängelt sich dann auch noch eine Dame mit den Worten vor, sie sei Kolumbianerin und ich Ausländerin. Daher hätte sie das Vorrecht vor mir an die Kasse zu gehen. Wenns mir nicht passen würde, könnte ich ja in mein Land zurück gehen.

Ich überlege schon, den Wein schon direkt hier auf zu machen, doch da verteidigt mich die Dame hinter mir und weist ihre Landesfrau erstmal gehörig zurecht.

Nachdem ich meine Einkäufe dann aufs Band gelegt habe, sagt die Kassiererin dann mit traurigem Blick zu mir : „Que pena con usted, pero no es posible que compran el vino.“ Ach ja, in den meisten Geschäften darf man sich erst nach 10 Uhr morgens betrinken. Es ist allerdings erst 10 Minuten vor 10 und so darf der Wein noch nicht verkauft werden.

Aber was jetzt folgt, hebt meine Laune doch auch jedesmal erherblich: Es ist quasi das Highlight meines Einkaufs und ich bin nach wie vor immernoch fasziniert von dieser extremen Langsamkeit beim Kassieren und dem anschliessenden Sortieren meiner Lebensmittel. Hier werden nämlich nicht nur alle Einkäufe von der Kassierin direkt in Tüten gepackt, nein, hier werden auch noch die Sachen sortiert:  Wurst zu Wurst, Spülmittel zum Waschmittel und Fleisch zu Fleisch.
Als die Kasserierin nach einer Ewigkeit mit diesem Prozedere fertig ist, schiebt sie noch mein gekauftes Stück Leberwurst über den Scanner. Dann läuft sie aufgeregt zu mir und sucht in den bereits gepackten und mit Knoten verschlossenen Tüten nach der Frischware. Damit ich es beim Auspacken ganz einfach habe und die Dinge für den Kühlschrank auch in einer Tüte zusammen gepackt sind, erklärt sie lächelnd.  Um meine einzige Flasche Küchenreiniger wird auch noch eine Tüte gepackt und diese dann verschlossen. So kann ich wenigstens die Aufschrift auf der 100sten Tüte in meinem Einkaufskorb deutlich lesen : „Si el planeta quieres cuidar, menos bolsas debes usar.“ Heist soviel wie, wenn Du den Planeten schützen willst, dann benutze so wenig Tüten wie möglich. Ja, das befolgen die hier ja wie verrückt.

Wie schon erwähnt gibt es in Kolumbien noch kein schwedisches Möbelhaus und so gibt es für mich auch leider kein weiteres Highlight beim Shoppen.

So allerdings nicht für meinen Mann: denn, als wir zuletzt in einem Möbelhaus nach einem neuen Esstisch gesucht haben, stürzte sich diese Dame direkt auf ihn. Fraglich war in diesem Moment für mich, ob sie wirklich Möbel verkaufen will oder doch das Aushängeschild für die plastische Chirugie des Landes war. Immerhin ein Highlight, wenn auch nicht für mich!

 

Möbelfrau

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Your culture is your brand – und wie werde ich es los?

Guatavita, Kolumbien
Villa de Leyva, Kolumbien
Providencia, Kolumbien
Tobia, Kolumbien
Tayrona Nationalpark, Kolumbien
Amazonas, Kolumbien

Dies sind einige Ziele der jedes Jahr anstehenden Klassenfahrten. Die Schule arbeitet hierfür extra mit einer externen Firma zusammen (OBA: off Bound Adventures), die die komplette Planung und Durchführung übernimmt. Klingt doch gut. Dann mal los.

Direkt im August, kurz nach Schuljahresbeginn wurden alle Eltern der Klassen 3 – 13 eingeladen, sich über die kommenden Schulausflüge zu informieren. Ich habe keine Ahnung, was mich eigentlich wirklich erwartet.  Jedenfalls nicht das:

OBADie ganze Veranstaltung dient nämlich nur einem einzigen Zweck: die Eltern davon zu überzeugen, dass Schulausflüge den Kindern so wahnsinnig viel für Ihre Entwicklung bringen. Sowas wie, dass es Ihnen hilft Empathie, Führungsfähigkeiten, Soziale Verantwortung, Teamarbeit und Umweltbewusstsein zu entwickeln.
Und das Beste an dem Ausflug sei, dass sie dabei auch noch wahnsinnig viel Spass haben und um eine einzigartige Erfahrung bereichert werden.

Zur weiteren Überzeugung wird noch ein Video eingespielt, dass glückliche Schüler auf diversen Ausflügen zeigt: sie segeln allein, nur an einem Seil befestigt einen Wasserfall herunter. Wahnsinn. Andere baden und plantschen im Pazifik oder fahren mit dem Jeep durch die Wüste des Tayrona Nationalparks, laufen am Amazonas über Hängebrücken und paddeln im Fluss in Kanus.  Also ich bin dabei! Aber ich bin ja kein Schulkind mehr. Wie schade eigentlich.

Und während ich noch denke, wie schade es ist, dass die Klasse meiner Tochter nur einen 2-tägigen Ausflug in das nahegelegene Guatavita unternimmt anstatt zum aufregenden Amazonas aufzubrechen, kommt schon die erste Frage einer aufgeregten Mutter nach der Sicherheit während so einer Exkursion.
So langsam dämmert es mir, warum die Damen und Herren sich da vorne soviel Mühe geben um alles so rosig aussehen zu lassen.  Der Preis konnte es nicht sein. Der war OK und dennoch ist das hier so eine wundervolle und schmackhafte Verkaufsveranstaltung.

Sicherheit? Wo soll denn das Problem hier sein? Wir leben ja nicht mehr im Jahre 2000 wo Entführungen und Bombenexplosionen an der Tagesordnung waren.

Doch sofort geht ein grosses Bild auf dem Smartboard auf:  SAFETY.

Ich bin überrascht, dass dies so ein grosses Thema hier ist. Es scheint, dass hier in der Tat echte Überzeugungsarbeit geleistet werden muss, damit die Eltern ihre Kids mitfahren lassen. Egal in welchem Alter, egal wohin es geht.

Es folgt ein Einstieg darüber, dass alle ausgesuchten Destinationen absolut sicher seien. Vielleicht sicher vor Entführungen, aber sicher nicht sicher vor einem Busunfall oder so etwas, denke ich.
Ach ja: an dieser Stelle hätte ich gern geistreich hinzugefügt, warum sie sich denn überhaupt soviele Gedanken über Sicherheit machen. Schliesslich fahren alle Schüler jeden Tag mindestens zwei Mal über die Strassen Bogotas. Und das grenzt quasi an Selbstmord. Auf der Strasse herrscht Chaos und Gesetzlosigkeit. Wer blinkt, hat verloren.  Lieber hupen, statt bremsen. Regeln beim Auto fahren gibt es nicht. Der Stärkere gewinnt. Der mit dem dicksten Auto und der mit den stärksten Nerven.

Also bitte, die Debatte hier ist für mich schwer ernst zu nehmen.

Die Dame des organisierenden Unternehmens erklärt soeben, dass alle Mitarbeiter grundsätzlich polizeilich überprüft sind. Das ist Standard in Kolumbien. OK, das finde ich gut und denke an die Vorfälle in den Flüchtlingsheimen in Deutschland, wo doch besser auch das Security Personal polizeilich gecheckt worden wäre.
Es geht weiter: Sie erklärt, dass immer ein Arzt mit den Kindern reist. Im Falle eines Notfalles, kann über ein Satellitentelefon Hilfe eines Bereitschafts-Hubschrauber geordert werden.
An dieser Stelle wird mir bewusst, dass das Mobilnetz natürlich ausserhalb der Städte extrem lückenhaft ist. Ist es jetzt noch spannend oder beängstigend für mich? Weder noch, entscheide ich.

Die Exkursionsleiter/innen sind ausserdem immer via GPS mit der Leitstelle verbunden. 24 Stunden.  Es gibt hier auch einen OK Button, der alle 2 Stunden gedrückt werden muss. Passiert das nicht, rückt die Task Force an. Oder sowas in der Art.

Jetzt bin ich beeindruckt. Machen Die das um die Eltern zu beruhigen oder machen Die das, weil es notwendig ist?

Insbesondere die kolumbianischen Mütter sind ganz aufgeregt und reden aufgescheucht durcheinander.

Eine italienische Mutter bringt meines Erachtens einen wirklich besorgnis erregenden Grund vor: ihr Kind ist allergisch auf Moskito Stiche. Herrje, das lass ich gelten.
Es geht weiter: am Smartboard wird weiter erklärt, dass die Kinder zwar in Zelten übernachten, diese aber unter einem Holzdach aufgebaut sind. Wegen der Hitze tagsüber.

Was nicht tötet härtet ab, denke ich und erinnere mich an die Zelturlaube mit meinen Eltern im damaligen Jugoslawinen.

Aber gut. Ich versuche es mit etwas Verständnis. Mit Empathie für die Kolumbianer. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle aufspringen und sagen, dass ich auch unbedingt an meiner Empathie arbeiten muss. Vielleicht lassen sie mich dann doch mit und ich komme doch noch in den Genuss, den Wasserfall herunter segeln zu dürfen.

Tranquila! Denke ich und meditiere ein wenig, um diese Sicherheitsfragerei verarbeiten zu können.

Leben und leben lassen – es ist für mich an dieser Stelle sehr hart mich einzufühlen und entspannt zu bleiben. Nicht wegen der Sicherheit, vielmehr weil ich die Sorgen nicht teilen kann. Und das, obwohl ich um die Vergangenheit von Kolumbien weiss. Aber meine Vergangenheit kennt sowas nicht. Wir waren früher immer froh, wenn Klassenfahrten aus Kostengründen nicht abgesagt wurden. Das Lernen ausserhalb der Schule so wertvoll ist, ist in meiner Heimat durchaus bekannt, aber wird zunehmend ignoriert. Geldmangel im öffentlichen Bildungswesen sowie in den Familien. Mir schwindelt. Was war jetzt nochmal genau das Problem hier?

In der Fachliteratur werden häufig drei logisch aufeinander aufbauende Stufen interkulturellen Lernens dargestellt:

„Auf der ersten Stufe
geht es um eine Haltung der Offenheit und Anerkennung von anderen und um das Bemühen von Verständnis;
auf der zweiten Stufe gelingt es,
die anderen aus ihrem kulturellen Kontext heraus zu verstehen;
und auf einer dritten Stufe verständigt man sich im Hinblick auf Kooperation und Zusammenleben (Auernheimer 1997, 352).“

Nun ja. Die Befürchtungen und Gedanken der Anwesenden lassen mich sicher nicht kalt und ich drehe und wende ihre Aussagen im Kopf hin und her. Ich warte auf die Erleuchtung. Auf das absolute Verständnis für die Situation. Auf die Gelassenheit solchen Gesprächen zu begegnen.
Vielleicht gibt es ja doch noch Hoffnung für den Erwerb meiner interkulturellen Kompetenz.

Ansonsten bleibt ja immer noch der Gang ins Adventure Camp 😉

Ein Teil meines Herzens schlägt für Myanmar

Ich bin in der Arena auf Schalke. Es ist 2009 und ich erlebe gerade mein erstes U2 Konzert. So ein richtiger Fan bin ich eigentlich nicht, aber natürlich ist U2 eine der grössten Bands und die will ich einfach mal live gesehen haben.
Schon oft habe ich von der politischen Arbeit Bonos gehört, doch heute abend erlebe ich Sie das erste Mal: ungefähr in der Mitte des Konzerts widmet Bono eine Stelle Frau Aung San Suu Kyi aus Burma/ Myanmar. Er weist darauf hin, dass das Volk ihre Partei 1990 mit einer gewaltigen Mehrheit ins Parlament gewählt hat. Doch die bisherige Militär-Regierung  akzpetiert den Sieg nicht. Stattdessen wird sie seitdem die meiste Zeit unter Hausarrest gestellt. Hausarrest bis ins Jahre 2009. Es sind inzwischen fast 20 Jahre.

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Und Bono sagt, „If you have her picture, take it out. If you have her masks, put them on. Let her face be our face tonight. A message of love, for Aung San Suu Kyi!“

1 Jahr später wird ihr Hausarrest aufgehoben. Aber das wissen wir heute nocht nicht.
2012 besucht President Obama Myanmar und trifft die Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi.

2009 fragte ich mich ernsthaft, warum er nicht eine bekanntere Krise auf der Welt gewählt hat. Irgendetwas was ich kannte, wo ich wusste worum es geht. Und wofür er mich vielleicht hätte begeistern können. Doch lieber spricht er von Burma. Ein Land, von dem ich nur so in etwas weiß, wo es auf diesem Planeten so liegt.
Ich bin in Gelsenkirchen, kann er nicht von etwas “ präsenterem“ singen?

2012 sind wir in Bangkok und Burma ist deutlich näher gerückt. Inzwischen weiss ich, wo es liegt und wie die politische Situation in unserem Nachbarland ist.  Myanmar ist nun quasi Holland.  Gelsenkirchen ist in die Ferne gerückt und so auch mein Verständnis für die meisten Probleme meines Heimatlandes.

Es ist wieder ein schwül-heisser Abend kurz vor dem Wochenende.  Die Klimaanlage läuft, die Kinder schon im Bett und ich läute meinen Feierabend ein.

Die DVD vom Gelsenkirchener Konzert soll mich heute abend meiner Heimat nach langer Zeit ein bischen näher bringen. Meine Haushaltsfee tappst fast lautlos durchs Haus und sammelt die letzten Spielreste der Kinder ein. Wiederholt sage ich ihr, sie solle doch auch endlich Feierabend machen.
Doch irgendwie scheint sie sich in unserer Gesellschaft, unserer Familie sehr wohl zu fühlen. Sie ist Burmesin und lebt wie wir in Thailand. Vermutlich weil sie hier bessere Lebensbedingungen vorfindet und Geld verdienen kann. Insbesondere als Frau ist sie hier sicherer als in ihrer Heimat. Sie hat mir schon oft von ihrer Familie in Burma erzählt. Zu Weihnachten will sie gern nach Hause und ihre Mama besuchen.
Wir mögen sie alle sehr sehr gerne. Insbesondere für unsere Kinder ist sie wie eine ältere Schwester. Und unseren Princessas schlägt sie wirklich keinen Wunsch ab, was manchmal für mich eine andere Art der Herausforderung ist.
So fand ich sie doch einen Abend auf dem Boden schlafend, vor dem Bett unserer Tochter vor. Ich und mein Mann hatten sie gebeten (gegen Extra-Bezahlung natürlich) an diesem Abend doch als Babysitter einzuspringen. Das macht sie besonders gern.
Ich wecke sie und sage ihr, dass sie doch nicht auf dem Boden schlafen müsse. Sie sagt, dass Mini Princessa aber Angst gehabt habe und sie deshalb bei ihr im Zimmer geblieben wäre. Für mich bleibt es ein Rätsel, wie man sich selbst soweit aufopfern und die erlernte gesellschaftliche Stellung als Hausmädchen einfach so akzeptiert und ertragen kann. Nicht das wir diese Hierarchie von ihr verlangen würden. Im Gegenteil, ich finde es unmenschlich und nehme mir vor, am nächsten Tag ein ernstes Wort mit meiner Tochter zu sprechen.

Und Bono singt wieder. Die Atmosphäre des Konzerts wird ernst. Ich erinnere mich: gleich kommt der Part von Aung San Suu Kyi und dem Walk auf der Bühne mit Menschen, die eine Maske mit ihrem Gesicht halten.

Wie nah ist mir heute dieses Land. Wie fühle ich mit.

Unsere Haushaltsfee zieht hinter mir die Vorhänge zu. Sie hat bereits grosse Augen und ihre Aufmerksamkeit ist vom Fernseher gefesselt. Sie hat begriffen, worum es geht.
Ich lade sie ein sich zu mir auf das Sofa zu setzen. Sie nimmt auf dem Boden vor dem Fernseher platz. Sie kniet und ich glaube sie kann gar nicht glauben, was sie auf dem Bildschirm sieht. Sie klebt an Bonos Lippen. Auf der Bühnenleinwand erscheint das Gesicht von Aung San Suu Kyi. Die roten Farben von Birma erleuchten das Konzert-Stadion. Als Bono sagt, „Sending a message of love to this noble woman“ und zu singen beginnt „Sleep, sleep tonight, and may your dreams be realized.“ beginnt unser Familienzuwachs auf Zeit zu weinen. Tränen rollen über ihr Gesicht. Sie ist sichtlich gerührt.
Mir scheint, sie realisiert zum ersten Mal, dass die Welt auch auf ihr Land guckt. Das Aung San Suu Kyi mit ihrer Oppositionsarbeit Grosses bewegt. Das Myanmar und die Menschen wichtig sind.

 

Wenn ich nicht wüsste, wie sie vor Berührungen zurück schreckt, würde ich sie nun gern in die Arme nehmen. Ich will sie nicht noch mehr aufwühlen und erst recht nicht in Verlegenheit bringen. Asiaten sind schnell verlegen. Stattdessen sage ich nur beiläufig, dass U2 eine der berühmtesten Bands weltweit ist und dass insbesondere Bono sich für eine bessere Welt einsetzt.

Die Message über Myanmar präsentiert U2 in seinem Konzert etwa 110 Mal in 75 Städten, in 30 Ländern. Es ist so wichtig!

Heute sitze ich nicht in Bangkok. Heute bin ich in Bogotá und gucke wiederholt dieses Konzert. Ich erinnere mich an diesen Abend im Jahr 2012. Bei dem Gedanken an unsere Hauhaltsfee und ihre bewegenden Emotionen laufen daher mir die Tränen herunter. Wie sehr ich sie vermisse und wie dankbar ich ihr für diesen Moment an dem damaligen Abend bin.
Su Su Wa war Teil unseres Leben in Bangkok und machte mir die emotionale Verbindung zu Myanmar möglich. Eine ganz neue Erfahrung für mich.

Und heute bin ich Bono sehr dankbar, dass er damals ausgerechnet die Geschichte von Aung San Suu Kyi gewählt hat und nicht eine der Anderen, nicht weniger wichtigen Krisen auf dieser Welt.  Was auf der Welt los ist wissen doch die wenigsten Menschen, die in einem der sichersten Ländern dieser Erde wie ich geboren und zu Hause sind. Und umso bedeutsamer sind doch die weniger bekannten Geschichten, die unserer Kenntnis und Unterstützung bedürfen. Menschen wie unsere zurückhaltende Su Su Wa.  Ein Mädchen aus Burma, dass bei uns ihr Geld verdient und nicht in einem der vielen Bordellen Thailands oder Myanmar. Bei unserem „Auszug“ aus Thailand schenke ich ihr Impfungen gegen Japanische Enzephalitis, Tetanus und Polio.

In Bogotá denke ich zurück an die Menschen in Thailand und Kambodscha. An Kinder die sterben, weil niemand Geld für eine Blinddarm OP hat. Es ist so nah und Gelsenkirchen so fern.

Ich denk daran, wie friedlich die mittelosen Menschen neben den Reichen Menschen in Thailand leben. Die Kinder im „saunaheissen“ Kambodscha trinken dreckiges Wasser aus dem Fluss um ihren quälenden Durst zu löschen und ich fotografiere sie mit meiner fetten Nikon Kamera. Keiner stört sich daran. Sie akzeptieren wortlos ihre Not und die Kluft zwischen Arm und Reich.
Hier in Bogotá dürfte ich die Kamera noch nicht mal aus meiner Tasche heraus holen und das nicht, weil die Leute nicht fotografiert werden wollen. Hier gibt es auch sehr viele Probleme. Auch, wenn sie anders sind.

Auf einem Spaziergang in unserer Compound Bubble in Thailand sagte einmal eine amerikanische Diplomatin zu mir, sie möge und sie schätze Bono sehr. Nicht nur für seine Musik, aber umso mehr für die bewegende Arbeit die er leiste.

Drei Jahre im Ausland später, drei Kontinente später, im Jahre 2014 denke und fühle ich genauso!