Ein Tag ohne Wasser

„Darf ich mal Eure Toilette benutzen?“ fragt mich unser Hundetrainer. Welch Frage! Eigentlich doch nur aus Höflichkeit gestellt, oder? Und automatisch antworte ich: “ Ja natürlich!“ — Ach, neeee. Mist. Wir haben ja heute kein Wasser. Während mein Gast also schon hinter der Toilettentür verschwunden ist, eile ich schnellen Schrittes heran. Aber wie sagen? Wie peinlich. Er kann nicht aufs Klo.

„Äähh,“ stottere ich.  Mein Stresslevel steigt. Ich stehe vor der Toilettentür und suche händeringend nach Worten- auf spanisch-  ihm zu erklären, dass es kein Wasser gibt. Schnell – gleich wird es zu spät sein.

„Que peina“ – fange ich also typisch kolumbianisch an – „no tenemos aqua hoy!“

Die Tür geht auf. Gott sei Dank. Nochmal rechtzeitig. Unser Hundekenner grinst mich an: „Ah listo!“
Das wars! Keine einzige Frage, warum nicht. Er schreitet voran zum arbeiten – wo ist der Hund?
Aber ich bin noch beim Wasser.
Moment mal. Jetzt muss ich mich auf jeden Fall erklären. Ist mir doch die Tatsache kein Wasser zu haben, einfach zu peinlich. Nachher denkt er noch, wir hätten kein Geld um die Rechnung zu zahlen. Das muss ich jetzt erstmal klarstellen.

„Es ist weil die Wasserfirma hier irgendwo in der Nachbarschaft etwas reparieren muss.“ sprudelt es aus mir heraus.

“ Ach ja, ich hab die vorhin auf dem Weg hierher gesehen.“ sagt er. Sagt er das jetzt nur, um die Peinlichkeit der Situation zu entschärfen oder ist es die Wahrheit? Jedenfalls scheint das für ihn alles kein Problem zu sein. Ich glaube sogar, er versteht die Dramatik des „kein -Wasser – habens“ überhaupt nicht.
Meine Haushaltsfee kommt. Ich erkläre ihr direkt, dass wir heute kein Wasser haben und das meine gesammelten Werke (diesmal hatte ich die Chance mich auf den Wassermangel vorzubereiten, weil wir netterweise das 1. Mal eine Anküdigung erhalten hatten – es stehen also 2 gefüllte Wassereimer, diverse gefüllte Kannen in  der Küche, in den Badezimmern sowie eine mit Leitungswasser aufgefüllte 5 Galeonen Wasserflasche bereit) bitte nicht wegzuschütten seien. Zu wertvoll.

Wassereimer

„Oh, listo!“ antwortet meine holde Fee, zuckt mit den Achseln und beginnt zu staubsaugen. Dafür braucht sie ja nur Strom. Den haben wir heute!

Ich wundere mich ein wenig. Es scheint für keinen hier ein wirkliches Problem zu sein, kein Wasser zu haben. Anscheinend gehören hier „Wasserausfälle“ zum Alltag. Während ich vor einigen Monaten, als wir das erste Mal kein Wasser hatten, noch völlig durchgedreht bin, bin ich diesmal erleichtert etwas gelassener reagieren zu können. Doch so gelassen wie meine Gäste bin ich noch nicht. Warum eigentlich nicht?
Es macht mich einfach nervös! Kein Wasser! Ich finde es ekelig und unhygienisch nach dem Toilettengang nicht abspülen zu können. Ach ja. Hände waschen nicht vergessen –

Wie gut, dass mein Mann im Büro und die Kinder in der Schule sind. Der Wassermangel ist somit ein wenig entschärft, denn es scheint überall Wasser für die Toilette zu geben – nur eben bei uns heut nicht.

 

Im Gegensatz zu den letzten drei Malen ohne Wasser hatte die Wasserfirma dieses mal, wie schon erwähnt, die Reparaturarbeiten angekündigt. Für 24 Stunden würde das Wasser abgestellt. Für diese Art Notfälle  – da es wohl wirklich häufiger vorkommt – haben die Wohnanlagen separate Notfallwassertanks. Bis zu einer bestimmten Reservemenge, die für mögliche Löscharbeiten bei Feuer zurück gehalten werden muss, können wir also darauf zu greifen. Dennoch wird das Wasser aus den Tanks rationiert.
Bedeutet in unserem Fall von 24 Stunden Wasserausfall folgendes: Um 10 stellt die Wasserfirma den Zulauf ab. Kein Wasser. Gegen Nachmittag sollen wir für 1 Stunde Wasser aus den Nottanks bekommen. Dann wieder kein Wasser. In gewissen Abständen also immer kein Wasser – Wasser – bis die Tanks bis auf die Reserve leer sind. Grundsätzlich eine gute Idee – das mit dem portionieren. Sofern man weiss, dass der Notwassertank bereits angezapft ist. Denn beim letzten Wasserausfall haben wir erst bemerkt, dass wir kein Wasser haben, als auch die Tanks leergelaufen waren. Da es irgendwo in der Nachbarschaft einen Rohrbruch gab, hatte die Wasserfirma für unsere Gegend spontan und ohne Information das Wasser abgedreht. Unsere Administration der Wohnanlage hat dann einen LKW mit einer Tank-Wasserladung kommen lassen. Bis dieser jedoch vor Ort war, hat es 6 Stunden gedauert.Wie gesagt, diesmal war ich ja vorbereitet. Doch ich traue den Angaben der Wasserwerke hier nicht. Aus 24 Stunden können auch schnell 32 oder mehr werden. So wie beim letzten Mal! Genau. Deshalb bin ich nervös. Hoffentlich reichen meine Vorräte.

Es klingelt an der Tür. Die Kinder kommen aus der Schule. Wie schön. Sie dürfen sich schnell aufreihen und werden mit ernstem Gesicht von mir gebrieft: „Wir haben heute kein Wasser. Wir wissen nicht, wann wir wieder Wasser haben werden. Wer muss … „— Das Haustelefon läutet. Es ist die Administration. Die Not-Wassertanks sind gerade aktiv. Wir haben für 1 Stunde Wasser! Jetzt muss es schnell gehen.

Wo war ich? Ach ja – Kinder – also:“ das war die Administration. Wir haben nun für 1 Stunde Wasser. Wer muss?“

Ich will schon nach oben rennen, um die Toilette oben zu spülen. Doch unsere wissbegierigen Kinder hindern mich. „Du hast doch gerade gesagt, wir hätten kein Wasser! Wieso haben wir kein Wasser?“ Auf dem Treppenabsatz dreh ich mich kurz um und gebe eine Erklärung ab, warum und wieso sich der Toiletten-Spülkasten nicht einfach magisch wieder neu mit Wasser auffüllt und dass sie bitte die mit Wasser gefüllten Kannen nicht anrühren sollen. Jedenfalls solange bis wieder Wasser aus dem Hahn fliesst. „Wieso hast Du denn Wasserkannen hingestellt?“ – berechtigte Frage, wenn man erst 6 Jahre alt ist. Was für aufgeweckte Kinder.

Nachdem ich oben die Toilette gespült habe und auch Wasser wieder in den Spülkasten nachgelaufen ist, geh ich in den Garten. Der Hund muss arbeiten, viel laufen – interessant – ich und die Kinder setzen uns als Zuschauer des Hundetrainings auf die Terrasse und geniessen die Lernfortschritte von Whiskey. Dann hat der Hund Durst – sein Wassernapf ist  leer – und – der Wasserhahn gibt nur noch einen letzten Tropfen von sich- dann ist wieder Ebbe. Sie haben also die Notreserve schon wieder geschlossen. Ich grummle etwas vor mich hin, teile dann aber selbstverständlich unsere Wasser-Vorräte mit ihm. Hoffentlich trinkt er nicht soviel, denke ich.

„Mami ich muss mal.“ bekomme ich dann von links die Information. Ok. Ich erkläre den Kindern also, dass sie ruhig auf die Toilette gehen können, aber bitte nur  bei jedem 3. Mal die Spülung drücken sollen. Damit der Vorrat im Spülkasten sich auch wirklich lohnt. „Mama, ich muss aber gross!“ Ich geb mich geschlagen. „Gut, dann spül halt ab.“sage ich und ruf mich zum Hände waschen.Handwaschen

Der Tag ist fast vorbei und ich frage mich, ob wir wohl wirklich morgen vormittag wieder Wasser haben.

 

Mein Mann kommt nach Hause. Er war nach der Arbeit noch kurz im Fitness-Studio und – oha- er will duschen! „Geht nicht! Weisst Du doch, wir haben heut kein Wasser!“ nach einem gefüllten Arbeitstag dreht er sich also wieder um und fährt zurück ins Studio. Zum duschen.

Ich bringe die Kinder ins Bett und als ich auf dem Weg bin, das Zimmer wieder zu verlassen kommt noch eine ängstliche Frage unter einer der kuscheligen Bettdecken hervor: „Mami, was mach ich, wenn ich heut Nacht auf die Toilette muss? “
Nachdem die Verhaltensweisen für den nächtlichen Toilettengang kindgerecht 🙂 erklärt sind, klingelt unser Haustelefon. Es ist die Administration, die mir mitteilt, dass wir wieder am Wassernetz hängen. Alles repariert. Ich bin erleichtert.

Als am nächten Morgen um 5 Uhr der Tag beginnt, ruft meine kleinere Tochter aufgeregt die Treppe herunter: „Mami, ich war auf der Toilette. “ – „Ja und?“ frage ich. „Ich habe abgespült!“ es klingt wie ein Beichte. Also beruhige ich sie und sage, dass es kein Problem sei. Wir hätten wieder Wasser!

Und was sagt sie?

“ Ach, war ja EASY PEASY. War ja nur für 1 Tag, das mit dem Wasser!“

 

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