Abschied nehmen – ein exclusiver Expat Deal?

Wiskey peinaDas Jahr geht zu Ende und so auch das erste Schulhalbjahr. Ganz oft bedeutet dies auch für Expat Familien, dass sie zum Halbjahreswechsel mit ihren Kindern wieder umziehen werden. Zwar ist meist die „Umschlagsrate“ des Kommens und Gehens im Januar nicht so gross wie am Ende des Schuljahres, doch werden im November und Dezember meist auch jede Menge „Farewell Parties“ gegeben.
Das klingt grundsätzlich doch erstmal sehr traurig und widersprüchlich:  eine Party machen, weil jemand geht. Als ob wir glücklich darüber wären uns von neu gewonnenen Freunden und „Verbündeten Expats“ im Ausland zu verabschieden.
Wir sind bestimmt nicht froh, doch wir wissen irgendwie alle, dass das zu unserem Expat Life dazu gehört. Das war der Deal und wir können nicht behaupten, dass wir zu Beginn der Freundschaften in der neuen Heimat auf Zeit nichts davon gewusst hätten.

Im Oktober traf es zum ersten Mal mich mit voller Wucht, als meine Freundin erklärte, dass sie bereits im Dezember mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern Kolumbien verlassen würde. Ganz aufgeregt war sie und ich konnte es ihr nachvollziehen. Ein Umzug in ein neues Land bedeutet schliesslich jedesmal ein Aufbruch ins Neue und obwohl sie diverse Male bereits umgezogen war (sie lebten schon in Australien, in Singapur, in den Staaten und nun in Kolumbien) eigentlich ein Experte auf diesem Gebiet war, sagte sie doch, dass sie unheimlich nervös und hibbelig sei.
Erst als sie gegangen war, wurde mir klar, dass es nun das erste Mal für mich war, dass ich verlassen werden würde. Verlassen werden in dem Sinne, dass die Freunde gehen und nicht wir. Wir haben unsere Freunde in Deutschland verlassen und so auch in Thailand. Aktiv zu gehen mit all dem Adrenalin in den Poren und dem Blick auf das neue Land, erscheint mir einfacher, als zurück gelassen zu werden. Und doch, ist der Schmerz irgendwie beim „Verlassen werden“nicht so schlimm. Gute Freunde gehen und viele andere interessante Menschen werden kommen. Vielleicht haut es mich deshalb nicht so um, weil wir irgendwo in unserem Inneren wissen, wie klein die Expat Welt doch ist und dass es wirklich gut sein kann, dass wir uns an einem anderen Fleck auf der Erde wieder sehen. Abgesehen von Besuchen im Sommer, die zunehmend immer umfangreicher werden, weil wir inzwischen nicht nur sesshafte alte Freunde in Deutschland in dieser Zeit besuchen, sondern auch mehr und mehr unsere Expat Freunde und die Expat Freunde unserer Kinder. Irgendwie macht es unsere Nomadentum doch auch wieder spannend und prickelnd. Und was ja auch ganz häufig passiert ist, dass wir Freunde an den Dreh- und Angelplätzen dieser Welt wieder treffen. Wer von Euch ist noch nicht schon mal am Flughafen einem alten Freund in die Arme gelaufen oder hat beim Einschecken entdeckt, wer noch mit Dir in diesem Flugzeug sitzt.
Das ist der Deal und wir wissen es. Lass uns eine „Fiesta Desperdida“ feiern.

Was aber, wenn Du auf einmal auf einen „Local“ triffst, der Dir und Deiner Familie ans Herz wächst?

So einen haben wir hier gefunden und wenn ich an den Abschied von ihm und seiner Familie denke, dann macht mich das traurig. Sehr sehr traurig. Ich frage mich, wo der Unterschied liegt zu dem Abschied meiner Freundin und dem Abschied von ihm. Irgendwie ist das Gefühl in mir in diesem Fall ein völlig anderes und irgendwie  soviel mehr endgültig.
Noch gehen wir ja nicht weg, doch es ist sehr wahrscheinlich, dass wir im nächsten Sommer umziehen werden. Wie es dann für uns weitergeht, wissen wir noch nicht, aber das ist ein anderes Thema.

Alonso lernten wir durch Zufall kennen und ich habe schon in früheren Beiträgen von ihm gesprochen:  er ist unser Hundetrainer!
Letztes Jahr habe ich ja nach einem Hund gesucht und mir wurde die Polizei-Hunde-Schule empfohlen, um einen Welpen zu finden. Da ich damals auch noch überhaupt keine Ahnung von der Erziehung eines Schäferhundes hatte, brauchte ich bald Hilfe und nahm Kontakt zu Alonso auf, damit er mir hierbei half.

Alonso ist in erster Linie Polizist in Kolumbien. Seine Aufgabe innerhalb der Polizei ist der Personenschutz des Ex-Präsidenten Uribe.
Er beschützt also den Ex Präsidenten bei allen Anlässen in einer Art Secret Service. Gleichzeitig ist er Sprengstoffexperte und Hundetrainer. Hauptsächlich trainiert er die Hunde der Polizei auf Sprengstoff- und Drogensuche. Jeder Hund wird speziell nur für eine Aufgabe ausgebildet. Sein letzter Hund, der ihn 8 Jahre begleitete, verstarb im letzten Jahr auf einem Kokainfeld irgendwo in Kolumbien. Die Drogenbanden verminen die Anbaufelder und die Polizei, die seit den 90iger Jahren zusammen mit dem Militär sehr erfolgreich aber auch vehement gegen diese Banden kämpft, suchen nach diesen Feldern und roden diese. Hierbei müssen vorab die Sprengstoffhunde helfen und die Minen aufspüren, die unter den Pflanzen versteckt sind. Erst wenn alle Minen gefunden und entsorgt sind, wird gerodet.
Im letzten Jahr zog leider ein Kollege von Alonso eine Pflanze vorschnell aus dem Boden und die Mine explodierte. Der Hund von Alonso war leider zu nah dran und verstarb. Es hat lange gedauert, bis er sich einen neuen Hund angeschafft hat, doch seit drei Monaten hat er nun einen neuen Compañero, der inzwischen auch sehr erfolgreich Sprengstoff aufspüren kann.

Jedenfalls lernten wir Alonso im letzten Jahr kennen und inzwischen ist er ein sehr guter Freund der Familie. Mir hilft er mit der Erziehung von Whiskey. Er hat mir gezeigt wie ich den Hund selbst waschen und pflegen kann und als Whiskey sich letztes Jahr am Bein schwer verletzt hat, kam er sofort, säuberte und nähte die Wunde und begleitete mich sofort zum nächsten Tierarzt. Er behandelt Whiskey inzwischen als wäre es auch sein Hund und wir sehen, dass sein Herz wirklich an diesem Tier hängt.

Alonso sprach auch von Anfang an komplette spanische Sätze mit mir und wenn ich was nicht verstanden hatte, versuchte er es mit anderen Worten oder Gesten. Oft war es sehr lustig.

Inzwischen spielt mein Mann auch ganz oft mit der Truppe der Hundepolizeischule Fussball und die Kinder werden demnächst bei der berittenen Polizei auch Reitunterricht nehmen. All das ist nur durch ihn möglich, weil dies sonst nur Familienangehörigen der Polizisten vorbehalten ist. Alonso hat auch Familie. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne und ich habe keine Ahnung wie seine Frau mit den Sondereinsätzen von ihm klar kommt.
Als ich mir vor ein paar Monaten eine dicke Schramme in mein Auto fuhr, war es auch Alonso der mein Auto zu einer entsprechenden vertrauenswürdigen Werkstatt fuhr (hier kann man sein Auto nicht einfach zur Reparatur abgeben, unter Umständen ist es dann weg) und mir zu einem günstigen Preis für die Reparatur verhalf.
Als wir in unseren neuen Compound umzogen, war er es, der erstmal die Sicherheitsvorkehrungen der Wohnanlage prüfte und Kontakt zur Administration aufnahm um wirklich sicher zu gehen, dass wir hier alle gut aufgehoben sind. Letzten Sommer während unseres Deutschlandurlaubes hat er unsere Katze für sechs Wochen bei sich zu Hause aufgenommen, weil wir keine geeignete Pflegestelle finden konnten. Dabei weiss jeder, dass Hundeliebhaber nicht unbedingt Katzenliebhaber sind.
Whiskey hat er in der Polizeischule für den gleichen Zeitraum beherbergt und ihr weitere lustige Tricks beigebracht. Bei der Fussball WM haben wir am Ende alle für Deutschland mitgefiebert.
Schlichtum, er kümmert sich um uns und das so ganz freundschaftlich. Er ist uns allen sehr Herz gewachsen.

Tja und da er nicht die finanziellen Möglichkeiten hat, uns mal eben so an einem neuen Erdenfleck zu besuchen, hat ein Abschied von ihm irgendwie den Charakter „für immer“. Obwohl wir natürlich jederzeit nochmal nach Bogota zu Besuch kommen könnten. Und schon lange habe ich überlegt, wie sage ich ihm, dass wir nächsten Sommer vermutlich von Dannen ziehen werden? Aber die Offenbarung eilt ja nicht, dachte ich. Schliesslich ist es noch ein Weilchen hin bis zum nächsten Sommer.
Doch dann kam die Frage von ihm, ob ich mir vorstellen könnte, Whiskey nächstes Frühjahr decken zu lassen. Sie sei so ein toller Hund und er hätte gern Welpen von ihr, für die Polizeiausbildung. Ja und so als Expat, sagte ich direkt frei heraus, dass es sein könnte, dass wir nächstes Jahr wieder umziehen würden. „Aber innerhalb Kolumbiens?, fragte er mich. Und als ich den Kopf schüttelte, merkte ich wie sehr ihn das traf. Er würde nicht nur uns als Freunde verlieren, sondern auch seinen Pflegehund. Und Welpen gab es so auch nicht für ihn.

An dieser Stelle merkte ich ganz deutlich, wie normal für mich das Abschied nehmen inzwischen war.

Mir war die Schlagkraft meiner an ihn gerichteten Worte gar nicht bewusst gewesen. Erst durch seine Reaktion wurde ich daran erinnert, wie schmerzhaft Abschied sein kann. Und dann ist er auch noch Latino. Was ich damit sagen will ist, dass diese so herzlich und emotional sind. Vermutlich denkt er jetzt doch, dass Alemanes kalt und gefühllos seien. So wie es unser Ruf besagt.

Aber war das nicht der Deal? Wusste er nicht von Anfang an, dass wir irgendwann weiter ziehen würden?

Nein – ich glaube, dass das ständige Abschied nehmen ohne in Depressionen zu verfallen ein Expat Deal ist. Ein einzigartiges Phänomen, dass uns Farewell Parties und Fiestas Despedidas feiern lässt.

Doch schliessen wir Freundschaften zu Locals, verändert sich doch alles. Oder nicht?