Ein Traum von Prinzessin! Kolumbianisches Rollenverständnis und Globale Emanzipation!

Lautes Klatschen und Jubelrufe umgeben mich. Meine 5-jährige Tochter hat soeben ihren ersten Schönheitswettbewerb gewonnen. Sie trägt ein rosa Kleidchen und hat ihre blonden Haare mit einer dicken Roten Schleife geschmückt. Ganz elegant und damenhaft bewegt sie sich auf die Jury zu und das ist gar nicht so einfach, denn schliesslich trägt sie bereits ihre ersten Pumps mit ein wenig Absatz. Sie strahlt über das ganze Gesicht und die Jury verkündet, das meine Princessa zukünftig auch im Fernsehen regelmässig moderieren wird. So sei sie doch ein gutes Beispiel einer typischen und hübschen Frau, die anderen Mädchen und Frauen ein gutes Vorbild sein kann. So muss Frau aussehen, dann wird sie von allen geliebt und respektiert. Das ist die Botschaft.

Niña BogotaDicker Nebel umgibt mich und als er sich lichtet sehe ich meine Tochter wieder. Sie ist inzwischen ein paar Jahre älter und hat ihre eigene Familie. Sie putzt und kocht für ihren Mann, der mit einem Freund zur gleichen Zeit Karten spielt und nach einem weiteren Bier verlangt. Ihre Kinder weinen und als sie ihn bittet, mal nach den Kindern zu sehen, antwortet er nur schroff, dass sei nicht seine Aufgabe als Mann. Sie als Mutter solle doch bitte ihrer Verpflichtung nachkommen und sich selbst kümmern.

Schweissgebadet wache ich auf und muss mir erstmal darüber bewusst werden, dass meine beiden Kinder friedlich in ihren Betten schlafen und weder einen Schönheitswettbewerb gewonnen haben noch bald bei einem antreten werden. Mir wird klar, dass mich meine gestrige Begegnung mit einem kolumbianischen Arzt anscheinend sehr aufgewühlt hat und irgendwie vermische ich dies mit meiner erster Begegnung der Miss Bogota, die gerade mal 5 Jahre alt war.
Aufgrund einer Wucherung am Finger meiner Tochter sind mein Mann und ich gestern zu einem Handchirurgen gefahren. Nachdem der Arzt meinen Mann begrüsst hat, reicht er auch mir die Hand. Erst als er meinem Mann die Tür aufhält und ihn bittet auf dem Stuhl in seinem Sprechzimmer Platz zu nehmen, realisiere ich, dass ich hier irgendwie nichts zu melden habe. Mein Mann hingegen ist auch verwirrt und bleibt in der Tür stehen und lässt mich vor ihm durch und bietet mir stattdessen den einzigen Stuhl im Sprechzimmer an. Nun scheint der Arzt etwas verwirrt, richtet jedoch gleich sein Wort und seinen Blick einzig und allein an meinen Mann. Zu blöd, dass meine bessere Hälfte noch nicht soviel Spanisch versteht wie ich und so antworte ich. Der Arzt jedoch würdigt mich keines Blickes und ignoriert mich, nur um das Gespräch weiter an meinen Mann zu richten. ….

Das ich mit meinem Mann in eine Kultur mit patriachalem System gezogen bin, wird mir in diesem Moment erneut sehr bewusst. So ein Verhalten hätte ich in anderen Ländern dieser Erde erwartet, aber irgendwie nicht hier.
Schmunzelnd denke ich zurück an einen Grillabend, zu dem wir eingeladen hatten. Auch kolumbianische Nachbarn kamen zu Besuch. Als sie gerade ankommen und die Männer mit dem Hände schütteln fertig sind, reicht mir der Kolumbianer die Hand und ich lehne mit einem Grinsen ab und sage: „Zuerst die Frau!“ und reiche seiner Frau die Hand. Erst als sie zögert und ihren Mann stumm mit einem verwirrten Blick um Erlaubnis bittet, dämmert mir, dass ich wohl irgendwie in ein Fettnäpfchen getreten bin. Doch ihr Mann ist weit gereist und hat viele Jahre auch in Deutschland gearbeitet. Er erklärt ihr, dass es in Deutschland üblich sei, zuerst die Frau zu begrüßen und dann den Mann. Sie dürfe mich also ruhig zuerst begrüßen. Ich staune und denke nur, der hat sie doch nicht alle!

All diese Begegnungen der dritten Art, habe ich anscheinend in meinem Traum ein wenig durcheinander gebracht und verarbeitet. Aber warum kommen all diese Begegnungen quasi einem Schockzustand gleich.  Bin ich wirklich kulturell so anders geprägt?

Woher kommt das? Und welche Werte und Überzeugungen stehen eigentlich dahinter?

Werte sind oft meist tiefe und nicht hinterfragte Überzeugungen, die wir von unseren Eltern, von Lehrern aber auch durch unsere eigenen Erfahrungen geformt und verinnerlicht haben.

Eine meine Überzeugungen ist, dass wir Frauen natürlich hübsch aussehen können, wenn wir es wollen, aber es nicht zwangsläufig müssen, um in unserer Gesellschaft respektiert und ernst genommen zu werden. Hier in Kolumbien habe ich aber kürzlich gelesen, dass das Rollenbild der Frau noch ein völlig anderes ist:
Frauen müssen schön sein, denn hässliche Frauen werden verachtet. Daher sind Schönheitswettbewerbe die Medien-Events des Jahres und suggerieren bereits schon den kleinsten Mädchen, wie sie sein sollten. So habe ich doch auch letztens selbst erlebt, dass insbesondere die kolumbianischen Mädchen vor einer Kinder-Geburtstagseinladung ersteinmal zum Friseur gehen und sich die Haare aufdrehen lassen. Dann werden Kleidchen angezogen, die mich an die Mode von 1950 erinnern. Meine Mutter hat auch so ausgesehen. Das weiß ich von Fotos von damals.
Habe ich nun eine Zeitreise gemacht oder an was glauben die Kolumbianer?

In einem Artikel von Julieta Romero Güeto von Juni 2013 lese ich, dass das Rollenbild von Mann und Frau in Kolumbien ganz klar definiert ist. Frauen haben hübsch zu sein und sich unterzuordnen. Männer weinen nicht, kochen nicht, passen nicht auf Kinder auf, müssen eine evtl. Untreue ihrer Frau ahnden und das fiese Gefühl der Eifersucht gilt es auch nicht zu vermeiden, nein es ist vielmehr eine Tugend hier!

Es hilft mir ein wenig zu verstehen, was hier eigentlich los ist. Ich kann es sogar akzeptieren. Da ich keine Kolumbianerin bin, zählen diese Werte nicht für mich. Bei einem Gespräch mit einem Macho-Mediziner kann ich die Gesprächszeit und seine männliche Arroganz auch schmunzelnd ertragen, schliesslich weiss ich was für mich zählt und ich kann mich abgrenzen! Ich weiss, dass ich als Deutsche Frau die gleichen Rechte habe wie ein Mann, dass ich ein hohes Bildungsniveau genieße und mich nicht unterordnen muss. Es sei denn, ich will es anders.

Aber was ist mit meinen Töchtern?

Sie sind noch sehr jung und ich befürchte, dass sie einige Überzeugungen die mit der Rolle der Frau einhergehen, annehmen könnten.

Annehmen, dass sie sich einem Mann unterzuordnen haben.
Annehmen, dass sie nicht alles in der Welt werden können, weil sie weiblich sind.
Annehmen, dass sie stets toll aussehen müssen um respektiert zu werden.

Vor Jahren im Heimatland haben die Kinder keine Misswahlen im Kindergarten abgehalten, vielmehr haben sie Seminare zum Thema „Ich bin stark, ich sag laut Nein!“ besucht. Hier ging es darum, dass die Kinder selbstbewusst werden, egal ob Männlein oder Weiblein. Dass meine Tochter den Schokoriegel nicht abgeben oder teilen muss, wenn ein anderes Kind dies lauthals verlangt. Ich kann an dieser Stelle sogar noch weiter gehen und Jesper Juul wiedergeben, der sogar in Frage stellt, ob es heute noch angebracht sei, seinen Kindern den Wert des Teilens abzuverlangen, damit das andere Kind nicht traurig ist. Er stellt dazu die Frage, ob die 16- Jährige Elfriede mit dem Jungen schlafen soll, damit er nicht traurig ist?

Meine Kinder müssen niemanden die Hand zur Begrüßung geben und sich erst recht nicht von Oma, Opa, Tante etc. küssen und/oder knuddeln lassen, wenn sie das nicht wollen. Das wird heute in deutschen Kindergärten gelehrt und ich halte das für absolut legitim und hätte mich gefreut, wenn ich dies in meiner Kindheit auch nicht hätte ertragen müssen.

Doch hier in Kolumbien sollen Kinder vor allem eines: gehorchen und nicht auffallen. Mädchen sollen hübsch sein und mit Puppen spielen. Jungs mit Autos. Mich schüttelt es jedesmal wenn meine Kinder sich von lateinamerikanischen Kindern verabschieden. Viele Eltern verlangen oft, dass sie sich zum Abschied in den Arm nehmen. Ob sie wollen oder nicht.

Meine Einstellung entspricht da auch eher der von Juul: „Gehorsame Kinder entwickeln keine Identität, sondern lernen zu folgen.“ Meine Kinder sollen nur folgen, wenn sie es wollen und davon überzeugt sind. Nicht weil sie weiblich sind und schon gar nicht, weil sie „nur“ Kind sind.

Aber wie erreiche ich dies bei Ihnen? Und finden meine Kinder, meine Überzeugungen eigentlich genauso gut wie ich?

Vermutlich muss ich einfach darauf vertrauen, dass sie ihren Weg schon machen werden. Ich und mein Mann können nur versuchen während unserer Familienzeit ihnen unser Miteinander vorzuleben: ich repariere schon mal Fahrräder, baue Schränke auf oder programmiere den Fernseher neu, während ihr Vater einkaufen geht und für uns alle anschliessend lecker kocht.
Zu Weihnachten stehen auf den Wunschzetteln meiner Kinder auch Bücher über die Geschichte der Fliegerei, aber genauso auch eine neue Barbie-Puppe. Sehen wir im Fernsehen Angela Merkel, erkläre ich Ihnen, dass sie unsere höchste Regierungsfrau ist und eine ähnliche Funktion hat, wie der Amerikanische Präsident.

Ich kann nur versuchen, Ihnen die Welt und ihre Möglichkeiten so offen und vielfältig zu zeigen, wie sie ist. Und, dass sie keine Grenzen und Einschränkungen fürchten sollen, nur weil sie weiblich sind.

Und letztendlich haben die beiden Mädels doch einen riesen Vorteil, dass sie international und multi- und nicht monokulturell aufwachsen. So wie es für Third Culture Kids typisch ist, werden sie ihre Werte und Überzeugungen aus verschiedenen Kulturen picken und mischen.

Doch ein kleiner Angstzweifel bleibt in mir. Was wenn nicht?