Wie weit geht Toleranz in der Erziehung zwischen den Kulturen

Mein Aufhänger für diesen neuen Post war mal wieder ein Beitrag von Jesper Juul im Feuilleton (schweres Wort) der FAZ, Ausgabe von heute.

Viele von Euch kennen vielleicht den dänischen Familientherapeuten mit seinen neuen Einsichten  und Ansichten zum Thema Erziehung.
Einige seiner Bücher wie, „Das kompetente Kind“ und vorallem “ 4 Werte, die Kinder ein Leben lang tragen“ haben auch mich im Hinblick auf die Erziehung meiner Kinder sehr beeinflusst. Ich will meine Kinder „gleichwürdig erziehen und ihre Persönlichkeit wahren, selbst dabei echt und wahrhaftig sein und gleichzeitig die Verantwortung für sie übernehmen“. Amen.

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Nun leben wir aber nicht in Deutschland

wo sich ja bereits auch schon viele Eltern fragen, wie erziehe ich, wenn ich Autoritär genauso ablehne wie Anti-Autoritär. Ich will an dieser Stelle nicht gleich meine Erfahrungen, die ich hier im Hinblick auf Erziehung gemacht habe für ganz Süd- Amerika verallgemeinern, doch auf jeden Fall aufgreifen, um zu verdeutlichen, in wie weit die Kinder-Erziehung im Ausland noch mal ein Tacken anspruchsvoller ist, als im Inland.

Während ich bei unserem letzten Post in Thailand und der dort für uns gewälten Intenationalen IB World School immer das Gefühl hatte, meine Kinder werden als Global Citizen, als IB Learners erzogen, so wie in diesem Video

so wird mir hier täglich bewusst, dass unsere Schule in Kolumbien trotz IB World  noch ganz am Anfang steht. Viele dieser Werte (und die meisten sind noch nicht mal so tiefgründig wie die von Jesper Juul) werden überhaupt nicht gelebt und nicht mal im Ansatz umgesetzt. Das stellt für mich ein riesen Problem dar. Damit meine ich, dass hier bezogen auf den IB Learner, dieser nur theoretisch aber nicht wirklich praktisch existiert. Die Theorie in die Praxis umzusetzen fällt also als ein zusätzlicher Punkt in meinen Part und den Umgang mit unseren Kindern. Diese Auseinandersetzungen mit den kulturellen und meinen eigenen Werten sind nicht nur eine Herausforderung für mein persönliches Wachsen, sondern darüber hinaus auch das meiner Kinder und dem Weg, den ich dorthin finden muss. So, dass ich mir selbst treu bleibe, meinen Kindern gegenüber loyal bin und dennoch mit der fremden Kultur nicht anecke…..sofern das überhaupt möglich ist.

Manchmal habe ich nun hier das Gefühl ich kämpfe gegen Windmühlen, wenn es darum geht, modern, belesen und weitblickend zu erziehen.

 

Denn da die Kinder die meiste Tageszeit in der Schule sind, ist mein Einfluss auf Werte und Weltansichten doch sehr beschränkt. Mir bleiben meist inklusive der Hausaufgaben vielleicht in der Woche max. 2 Stunden um nicht nur mit ihnen in ihrer Muttersprache zu reden, sondern auch unsere kulturellen Ansichten zu vermitteln. Den Rest der Zeit, abgesehen vom Wochenende, verbringen sie in der kolumbianischen/ latein-amerikanischen Kultur.

Wie ist nun der Alltag der Kinder in einer Internationalen IB World School in Kolumbien?
(Und da musste ich auch einen kleinen Kulturschock verdauen, da die Internationale Schule in Thailand so ganz anders und vorallem moderner war, als die Schule hier)

Oft habe ich das Gefühl, dass die hier beim Thema Erziehung noch in der Steinzeit herum doktern bzw. noch die Erziehung leben, die in unserem Heimatland in den 60 iger und 70 iger Jahren angewandt wurde.

 

Was ich hier im Hinblick auf Erziehung beobachte:

 

Thema Essen:

  • Die Kinder in Nursery (ab 2 Jahre) über  Reception, Year 1 and Year 2 (Alter 7-8 Jahre) haben beim Mittagessen keine Messer. Stattdessen schieben beispielsweise meine Kinder das Essen mit dem Finger auf die Gabel, was für mich nicht nur ein Rückschritt von zivilisierten Essenverhalten sondern auch ein hygienisches Problem darstellt. Im deutschen Kindergarten werden die Kinder schon früh an den richtigen Umgang mit Messer und Gabel gewöhnt. Für uns also ein Rückschritt.
  • Bei der Geburtstagsfeier meiner kleineren Tochter (sie wurde kürzlich 6) habe ich einen Kuchen und Gabeln mit in die Klasse gebracht. Die Gabeln wurden mit einem Kopf-schütteln und einem in meine Richtung abwertenden Kommentar eingesammelt und durch Plastik-Löffel ersetzt.Ein weiterer Rückschritt. Und das nicht nur im Hinblick auf „Plastik“.

Zwischenmenschliches:

  • In Kolumbien werden zuerst die Männer mit Hand-geben begrüsst.
  • Es gibt hier noch reine Mädchen und reine Jungen-Schulen.
  • Mädchen und Jungs werden beim Sport Unterricht getrennt.
  • Mädchen dürfen bei der Schuluniform ab dem 3. Schuljahr ausschliesslich Röcke tragen.
  • Kinder lernen noch mit Stützrädern Fahrrad fahren
  • die Mehrheit der Kinder kann mit 6 Jahren nicht schwimmen
  • Ärzte werden noch und ausschliesslich mit „Herr Doktor“ angeredet
  • Kindergeburtstage werden fast immer mit Animateuren gefeiert, die lauthals in ein Mikrofon schreien
  • time out Methode ist absolut gängig in der Schule
  • Agression und Wutausbrüche werden mit Abzug von Punkten bestraft
    (Stichwort Jesper Juul: Aggression: Warum sie für uns und unsere Kinder notwendig ist)

 

Ernährung

  • „Fruchtzwerge“ gelten als gesund. Wenn es Milchschnitte gäbe, würde diese sicherlich als Früstücks-Snack angeboten werden.
  • Es gibt hauptsächlich Frucht-Säfte zu trinken. Nachgesüsst.
  • Donauts und Zimtschnecken werden als erster Snack ausgegeben.
  • Ein vegetarischer Tag eimal im Monat wird strickt abgelehnt.

 

Diese Verhaltensweisen und Ansichten stellen eine tagtägliche Herausforderung an mich.

 

Meine Meeeeedddchen 🙂 sollen sich gleichwertig wie die Jungs fühlen. Sie sollen sich auch beim Sport in Misch-Mannschaften rangeln können. Mit Messer und Gabel essen dürfen und auch können. Sie sollen wissen, was gesund für ihren Körper ist und was nicht.

Den Wert Gleichwürdigkeit wie bei Juul hab ich jedenfalls hier noch nicht entdeckt. Und wir besuchen eine Internationale Schule mit gemischten Nationalitäten, Lehrern und Personal. Diese stammen zwar hauptsächlich aus Latein-Amerika, aber auch aus den Staaten, Süd Afrika und Great Britain. Es scheint jedoch, dass auch die ausländischen Lehrer Schwierigkeiten haben, ihr modernes Wissen über Erziehung und Miteinander hier anzuwenden oder einzuführen. Beispielsweise musste der vegetarische Tag, der einmal im Monat stattfand, auf Druck der Elternschaft (ca 80% aus LatinAm) wieder abgeschafft werden. Die Begründung; wir sind Süd Amerikaner, wir essen täglich Fleisch. Basta. Soviel zum IB Learner Profile: Open minded.

Wie tolerant will und kann ich sein?
Wo kann ich also Abstriche machen und was ist mir so wichtig, dass ich eine Konfrontation mit den Gegebenheiten der Schule eingehe.

Mich evtl. selbst ins Schussfeld begebe und langfristig ein Außenseiter werde? Und das Wichtigste: werden meine Kinder wegen dem Verhalten ihrer Mutter in der Klasse gehänselt und von den Lehrern schlechter behandelt werden?

Wieder einmal lerne ich mich besser kennen. Was sind meine Werte und für was lohnt es zu „sterben“ und welchen Elefanten lasse ich lieber vorbeischwimmen? Und hier an dieser Stelle wird doch sehr deutlich, was der Unterschied ist, ob ich mit oder ohne Kinder in das Ausland gehe.

Was bedeutet das nun für mich? Wie gehe ich damit um?

 

Grundsätzlich: Ich nehme die Herausforderung an. Auch hier will ich die Gastlandkultur kennenlernen und meine Abrenzung finden.

Das Thema „Messer und Gabel“ habe ich mit meinen Kindern bei uns zu Hause angesprochen und ihnen meine Meinung und meine Haltung dazu deutlich gemacht. Die Kinder essen also daheim mit Messer und Gabel. Dass sie das früher im Heimatland bereits besser konnten, ist eine weitere tägliche Challenge für mich.
Wenn sie mir vom Schulalltag erzählen und mir Unterschiede in der Behandlung zwischen Jungen und Mädchen in den Erzählungen auffallen, greife ich diese auf und wir reden darüber. Dabei lege ich viel Wert darauf, so neutral wie möglich darzustellen, wie es hier läuft und wie es in unserem Heimatland läuft. Was meine Kinder daraus machen, ist ihre Sache. Sie sollen nur wissen, dass die Welt mit all ihren Ländern und Ansichten sehr unterschiedlich ist. Sie sollen dies zum Anlass nehmen, mal darüber nachzudenken. Stichwort IB Learner: Thinker and reflective student.

Beim Thema Ernährung ist es nach wie vor für mich sehr sehr schwierig, Ruhe zu bewahren und auszuhalten, wenn sie mal wieder mit einem Lutscher ins Wochenende geschickt wurden. Wenn ich koche, reden wir über das Essen. Teilen es ein in „gesund“ und „ungesund“. Erkläre warum sie Saft nicht pur sondern mit Wasser auffüllen sollen und dass Zimtschnecken kein Frühstück sondern vielmehr in die Kategorie Süssigkeiten fallen. Gleichzeitig nehme ich an den Meetings vom Food Committee der Schule teil und versuche mein deutsch-geprägtes Know How hier und da vorsichtig einzubringen. Veränderungen sind schon zu sehen, doch sie müssen unglaublich vorsichtig und langsam implementiert werden.

Wenn wir nun Geburstag feiern, wird es keine Coca Cola auf dem Tisch geben und die Geschenke für meine Tochter werden sofort im Beisein des Schenkenden ausgepackt. An dieser Stelle kann ich mit einem Nase-rümpfen der Latein Amerikanischen Eltern leben, die dies sicher als schlechte Erziehung betrachten und meinen, Geschenke werden erst nach der Feier und alleine ausgepackt.

Und dennoch versuche ich mir immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, dass wir alle Eltern sind und immer nur das Beste und die Beste Erziehung für unsere Kinder wollen!

und Weltfrieden 😉

 

 

 

 

 

 

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